Wolfgang Bartels
Mit der Kamera in der Welt von Johann Sebastian Bach
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – eine Handvoll Orgelbilder in einem umfangreichen Bildband über die Welt des Komponisten Johann Sebastian Bach macht diesen Titel zunächst noch nicht zu einem orgelrelevanten Buch. Andererseits war und ist Bach in Bezug auf die Orgel eine alles überragende Persönlichkeit. Wer viele Blicke (hier: Fotos) auf Bachs Person und Welt wirft, wird immer auch einen Orgelanteil mitsehen können und müssen.
Der für uns geradezu selbstverständliche semantische Bruch, wenn wir Musik mit Sprache erläutern oder kommentieren, ist letztlich Ausdruck unserer eigenen Unfähigkeit, klingender Musik mit ebensolcher klingender Musik gegenüberzutreten, sie zu beantworten. Wolfgang Bartels vollzieht diesen Bruch in eine andere Richtung: Er reagiert auf Musik, indem er mittels Fotografie ein mögliches Umfeld dieser Musik einzufangen versucht. Die von ihm abgebildeten Objekte sind Gegenstände, Personen und Orte, die direkt oder indirekt, gelegentlich intuitiv auf den Komponisten und sein Werk Bezug nehmen.
Manche der 170 Schwarz-weiß-Aufnahmen dieses Bandes, die hauptsächlich zwischen 2011 und 2022 entstanden, zeigen Bekanntes, das der Vollständigkeit halber nicht fehlen darf: die Grabplatte auf Bachs letzter Ruhestätte, die Reproduktion der Bach-Lithographie von Paul Rohrbach oder (Teile der) Bach-Statue in St. Georg. Der größte Teil der Bilder ist eine assoziative und häufig sehr persönliche Auseinandersetzung des Fotografen mit Bach, seiner Umwelt und seinem Werk, die aber dennoch für jeden Betrachter, der über ein flüchtiges Durchblättern des Buchs hinauskommt, gewinnbringend sein wird. Bartels ordnet seine Bilder vier Hauptbereichen zu: 1. Ursprung und Herkunft, 2. Bachs Wirkungsstätten, 3. Metaphern und 4. Protagonisten.
Bartels fragt sich, wie „man den Geist Bachscher Musik photographisch einfangen“ kann, und fühlt sich „gezwungen, oft mit Metaphern zu arbeiten, symbolhafte Situationen einzufangen, die den mystischen Geist seiner Musik aufgreifen“. Dabei produziert er eine Melange aus Bildern von Bachs ehemaligen Wirkungsstätten und einer Annäherung an Personen und Ideen. In seinem Hinterkopf hat er dabei Aussagen berühmter Persönlichkeiten über Bach. So entsteht „eine Art Essay, das diese verschiedenen Sichtweisen miteinander kombiniert – man könnte fast sagen, wie in einer Bachschen Fuge, in der mehrere Stimmen zu einer neuen Harmonie verschmelzen“.
Man muss sich auf diesen anderen, wortlosen Zugang zur Musik Bachs einlassen wollen! Nicht immer sind die Intentionen von Bartels so schnell nachvollziehbar, wie in seinem Bild Bachs dreimanualige Klaviatur: drei Treppenstufen vor St. Michaelis in Lüneburg, auf die der Schatten eines Zaunes/Gitters fällt und dadurch die einzelnen Tasten angedeutet werden (diese Worte treffen die Wirkung des Bildes bei weitem nicht!). Die größte Stärke des Bandes ist aber seine Zeitlosigkeit, seine Überzeitlichkeit. So wie sich auf den Bildern historischer Gebäude elektrische Straßenlaternen und Verkehrsschilder einschleichen – so ist Bach: ein Zeitgenosse aus alter Zeit, ein alter Moderner.
Ralf-Thomas Lindner


