Benoit, Peter

Missa tribus vocibus virorum comitanti organo für 3 Männerstimmen und Orgel

hg. von Wolfgang Birtel

Verlag/Label: Schott Frères, SF 1583
erschienen in: organ 2012/04 , Seite 61

Denkt man an bel­gis­che Kompo­nis­ten des 19. Jahrhun­derts, wird einem wohl kaum als erstes der Name Peter Benoit (1834–1901) in den Sinn kom­men, obwohl dieser in sein­er Zeit als anerkan­nter Kom­pon­ist und all­seits geschätzter Diri­gent galt. Es ist hon­orig, wenn sich Musikver­lage, wie in diesem Fall Schott Frères in Brüs­sel, sich solch­er nahezu vergessen­er Musik­er mit Neudedi­tio­nen annehmen und ihre Musik wieder ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit zugänglich machen.
Nach erfol­gre­ich absolviertem Musik­studi­um in Brüs­sel erhielt Benoit 1857 für seine Kan­tate Le Meurtre d’Abel den (bel­gis­chen) „Prix de Rome“, bereiste anschließend zu musikalis­chen Stu­dien­zwe­-cken Deutsch­land, wurde Diri­gent am Théâtre des Bouffes-Parisiens (von Jacques Offen­bach 1855 gegrün­det) und 1867 Direk­tor der Flämis­chen Musikschule Antwer­pen, dem späteren Königlichen Kon­ser­va­to­ri­um. Benoit hin­ter­ließ eine beacht­liche Anzahl von Büh­nen­werken, Ora­to­rien, Kan­tat­en, Instru­men­tal­w­erken und eben­so geistliche Musik, darunter ein Te Deum und ein Requiem. Für die Bach-Rezep­tion in Bel­gien war er durch die nationale Erstauf­führung von dessen Matthäus­pas­sion von her­aus­ra­gen­der Bedeu­tung.
Unter Benoits kleineren sakralen Werken sticht die schon 1856 ent­standene Mis­sa tribus vocibus viro­rum comi­tan­ti organo her­vor, die Wolf­gang Bir­tel jet­zt neu ediert hat. Stilis­tisch bewegt sich die Musik zwis­chen César Franck und Léo Delibes, weist aber dur­chaus Züge eines eige­nen Per­son­al­stils auf, wie die chro­ma­tis­chen Lin­ien­führun­gen im „Glo­ria“ oder in den – in diesem Stil doch sel­ten vork­om­menden – Leerk­län­gen. Das „Cre­do“ erin­nert am Anfang durch sein stetiges Met­rum im Bass an Schu­berts G-Dur-Messe, ungewöhn­lich auch hier der solis­tis­che Beginn und sehr effek­tvoll die Cre­do-Tut­ti-Ein­würfe. Die fol­gen­den Sätze sind dage­gen wieder schlichter geformt, dabei beson­ders schön das solis­tis­che „Bene­dic­tus“ mit seinen lyrischen Kan­tile­nen.
Der Chor­satz ist durch­weg homophon gehal­ten, gle­ich­wohl stets wirkungsvoll. Die Solopar­tien dienen der klan­glichen Auflockerung, sind gesang­stech­nisch jedoch kaum schwieriger zu bewälti­gen als die Chor­par­ti­tur und kön­nen daher ohne weit­eres auch von geübten Cho­ris­ten – oder auch bei entsprechen­der kam­mer­musikalisch-dynamis­ch­er Abstu­fung – vom Chor über­nom­men wer­den (dies­bezüglich fehlt wohl im „Cre­do“ in Takt 96 der Tut­ti-Hin­weis). Die Orgel repräsen­tiert bis auf einige eigen­ständi­ge Teile („Cre­do“ oder „Bene­dic­tus“) das har­monis­che Gerüst des Vokalparts, muss aber wegen der Nota­tion auf zwei Sys­te­men hin­sichtlich der Ped­alver­wen­dung prax­is­gerecht ein­gerichtet wer­den – was jed­er einiger­maßen erfahrene Organ­ist ohne jede Schwierigkeit bew­erk­stel­li­gen wird.
Ins­ge­samt bietet dieses gut zwanzig Minuten dauernde Opus eine doch lohnende Bere­icherung des li­turgischen Män­ner­chor-Reper­toires. Her­aus­ge­ber Wolf­gang Bir­tel merkt sin­nig im Vor­wort an, dass angesichts der aktuellen Entwick­lung der Kirchen­chor­land­schaft – mit endemis­chem Män­ner­stim­men­schwund – eine Bear­beitung für dreis­tim­mi­gen Frauen­chor oder Sopran, Alt und Män­ner­stimme gle­ich­falls eine edi­torische Option darstellt.

Chris­t­ian von Blohn