Meister Schüler

Werke von Franz Liszt und Julius Reubke

Verlag/Label: Querstand VKJK 1227 (2012)
erschienen in: organ 2013/02 , Seite 53

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Mit Span­nung begeg­net man der Ein­spielung der tief­sin­nig­sten und hochmö­gend­sten Orgel­w­erke der deutschen Roman­tik auf dem 1862 eben­so ambi­tion­iert erbaut­en Großin­stru­ment, dem ganzen Stolz seines Erbauers Friedrich Lade­gast – und wird am Ende auch nicht ent­täuscht. In neuem Glanz nach gründlich­er tech­nis­ch­er Über­ar­beitung und klan­glich­er Erweiterung um das fün­fte Man­u­al­w­erk (III. Réc­it expres­sif) lässt die mon­u­men­tale Orgel der Leipziger Haup­tkirche St. Niko­lai keine Wün­sche offen für die über­schäu­mende Klang­fan­tasie von Liszt und Reubke. Ger­ade die Viel­far­bigkeit in allen san­ften Stim­men, die sowohl in Liszts Klang­fan­tasie wie auch in Lade­gasts Per­son­al­stil die größte Bedeu­tung tra­gen, kann hier exem­plar­isch gehört wer­den. So ist es auch eine sel­tene Gele­gen­heit, in dieser Sym­biose von Klangspek­trum und kom­pos­i­torisch­er Inten­tion die Zel­e­bra­tion des roman­tisch ver­sunke­nen bre­it­en Zeit­maßes zu erfahren.
Jür­gen Wolf wagt es, mit dieser Klan­gau­ra in die Größe der pathetis­chen und die Zeit vergessen machen­den Ruhe der Tem­po­empfind­ung einzu­tauchen, die sich son­st meist nur über Berichte von Auf­führungs­dauern aus dem 19. Jahrhun­dert erschließen lässt. Dabei fehlt es den pianis­tisch vir­tu­osen Pas­sagen nicht an Bril­lanz, und es wäre nur der Wun­sch, auch bei der Gestal­tung der groß angelegten Schlüsse die entsprechende Spannkraft bis zum Schlus­sakko­rd aus­gehalten zu find­en: Da ist der bis dahin getra­gene Hör­er bei bei­den großen Werken jew­eils vom eili­gen Ende des bis dahin so arkadisch angelegten Wan­derns durch die weit­en Ton­wel­ten überrascht.
Mit den Vari­a­tio­nen über ein Motiv aus der Kan­tate Weinen, Kla­gen, Sor­gen, Zagen und dem Cruci­fixus der h‑Moll Messe von J. S. Bach von Liszt und der Sonate c‑Moll Der 94. Psalm von Reubke find­en sich die bei­den her­aus­ra­gen­den Kom­po­si­tio­nen von Großmeis­­ter und genial begabtem Schüler zusam­men, wen­ngle­ich natür­lich der for­male und idioma­tis­che Ein­fluss von Liszts Ad nos und der h‑Moll Sonate für Klavier auf die noch
näher am Meis­ter kom­ponierte b‑Moll-Klavier­son­ate Reubkes und nach­fol­gend der Orgel­sonate das Lehrer-Schüler Ver­hält­nis viel deut­lich­er wer­den ließe; doch wäre dies eine primär edi­torische Fragestel­lung. Der Reper­toirew­ert der Ein­spielung wird gesteigert durch Reubkes sel­ten zu hören­des, einzeln ste­hende schlicht­es Trio in Es-Dur sowie das dem Mit­tel­satz der Psalm­sonate weit­ge­hend entsprechende Ada­gio, notiert als Klavier­satz im Album der Prinzessin Marie von Sayn-Wittgen­stein, der Tochter von Liszts langjähriger Lebensgefährtin.
Nicht zulet­zt ist die Auf­nahme eine leise Auf­forderung, die dun­klen und schw­eren deutschro­man­tis­chen Klang­wel­ten vor Ort und nicht medi­al zu behorchen, denn wie bei Celi­bidaches Bruckner-
Inter­pre­ta­tio­nen bleibt die let­zte Klangtiefe in den fein­far­big und langsam sich aus­bre­i­t­en­den mys­tis­chen Klang­wel­ten der tech­nis­chen Repro­duzier­barkeit auf CD wohl nach­haltigst verschlossen.

Ralf Bibiella