Popp, Susanne

Max Reger. Werk statt Leben

Biographie

Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wies­baden 2016, 544 Seiten, 39,90 Euro
erschienen in: organ 2016/03 , Seite 21

Nun ist sein „groߓ gefeiertes Gedächt­nis anlässlich des 100. Todestages 2016 schon wieder zu drei Vierteln vorüber. Ein Grund mehr, die rechtzeit­ig zu diesem Jubiläum von der langjähri­gen Direk­torin des Max-Reger-Insti­tuts | Elsa-Reger-Stiftung (MRI) in Regers eins­tigem Hausver­lag Bre­itkopf & Här­tel vorgelegte umfang­reiche und zugle­ich aktuell­ste Biografie Max Regers kri­tisch zu würdi­gen. Sie beleuchtet auf dem Ken­nt­nis­stand der jüng­sten Reger-Forschung fak­ten­re­ich das ereignis­re­iche Leben desjeni­gen Kün­stlers um die vor­let­zte Jahrhun­der­twende, dessen Bekan­ntheits­grad (nach wie vor) in einem merk­würdi­gen Ver­hält­nis zu einem wei­thin noch immer zu Unrecht unter­be­w­erteten und großen­teils unent­deck­ten Riesen-Œuvre ste­ht.
Reger, der Orgelkom­pon­ist“, heißt es gemein­hin. Doch dass der Arbeitswütige 1908 ein Vio­linkonz­ert in A-Dur schrieb, ein Klavierkonz­ert in f-Moll, dass er 1905 eine mehr als bloß inter­es­sante Sin­foni­et­ta ver­fasste, vier Cel­losonat­en, sechs Stre­ichquar­tette oder Orch­es­ter­ou­vertüren etc. etc. – all dies ging unter im holzschnit­tar­tig ver­fer­tigten Bild des Tas­ten­löwen, Bach-Bewun­der­ers (Orgelkom­pon­is­ten), Straube-Fre­un­des … und let­ztlich auch im Fortschritts­glauben, der die Musikgeschichte mitschrieb. Nur wenige ges­tandene Mu­sikkenner wis­sen etwa, dass Reger mit über 250 Liedern ein nicht weniger umfan­gre­ich­es – und beein­druck­endes – Lied­schaf­fen hin­ter­ließ als Robert Schu­mann.
Susanne Popp räumt mit manchen etablierten Urteilen und hart­näck­i­gen Vorurteilen kon­se­quent auf: Bach schwang zwar schon oft mit, doch Reger begriff ihn – ganz ähn­lich wie Wag­n­er den Sym­phoniker Beethoven – als End­punkt, der inno­v­a­tiv weit­er gedacht wer­den will. Und Let­zteres tat Reger zweifel­sohne, indem er in seinen eige­nen Werken keine „klas­sizis­tis­chen“ Stilkopi­en von Bach lieferte, son­dern Prinzip­i­en aus dessen Schaf­fen (barocke For­men, Poly­phonie etc.) in seinem eige­nen postro­man­tis­chen Sinne adap­tierte und trans­formierte. In der berüchtigten „Infer­no-Fan­tasie“ macht (nicht nur) die Autorin „wuchtige Klang­massen“ aus, die „kein tonales Zent­rum haben und den ganzen Zwölfton­raum umfassen“. Das Spätwerk Requiem Aeter­nam wie­de­rum sieht Popp auf­grund sein­er flächi­gen Anlage und „Expres­sions­feldern“ als Antizipa­tion der Ästhetik eines Györ­gy Ligeti.
Susanne Popp ist als langjährige Lei­t­erin des Karl­sruher Max-Reger Insti­tuts eine ver­sierte und inter­na­tion­al anerkan­nte Fach­frau für Werk wie Leben ihres musikalis­chen „Schüt­zlings“. Enorm ver­traut mit den Quellen, belegt sie, wie Richard Wag­n­er den Auss­chlag gab für die Komponis­tenkarriere. Beim gelehrten wie renom­mierten Musik­forsch­er lernt der junge Reger die „deutsche“ Musik­lin­ie Bach–Beethoven–Brahms, die Ital­iener wie Fran­zosen (und Englän­der) wei­thin in den Schat­ten stellen sollte. Nein, ein früher Kos­mopolit war Reger im nationalen Kon­text des Wil­helminis­chen Kaiser­re­ichs gewiss nicht, um es fre­undlich auszu­drück­en.
542 gut les­bare Seit­en hat Popps ein­drucksvoller Wälz­er. Gespickt ist er mit zahlre­ichen Zitat­en, die ein sehr direk­tes, doch nie unangemessen „dis­tan­zlos­es“ Ver­hält­nis zum Kom­pon­is­ten schaf­fen. Schw­er­punk­te set­zt Popp auf die Lebenswege und nicht auf eine ana­lytis­che Durch­dringung zen­traler Werke. So erfährt der Leser Auf­schlussre­ich­es über den unen­twegten Arbeit­er, den buch­stäblichen „worka­holic“ Max Reger, der seinem Schaf­fen nur wenige und oben­drein unge­sunde Kon­tra­punk­te ent­ge­genset­zte. Trotz laten­ter War­nun­gen der Eltern trank (fraß) und rauchte Reger, was das Zeug hielt … Sein allzu früher Tod am 11. Mai 1916, der ihn ger­ade ein­mal 43-jährig ereilte, war Ergeb­nis eines höchst unge­sun­den Cock­tails, der fra­g­los man­i­fest selb­stzer­störerische Züge aufwies und den Popp präg­nant so beschrieb: „Von allen voraus­ge­se­hen und doch plöt­zlich war sein Herz dem per­ma­nen­ten Über­druck, kom­ponierend gegen den Tod und konz­ertierend gegen das Vergessen anzukämpfen, nicht länger gewach­sen …“ Faz­it: Das Buch ist uneingeschränkt empfehlenswert – nicht nur zum/im Reger­jahr 2016!

Torsten Möller