César Franck
L’Organiste
63 Stücke für Orgel, hg. von Carsten Wiebusch
Neben Johann Sebastian Bachs Orgelbüchlein ist in den Jahren, in denen ich Organistenvertretungen gespielt habe, die Sammlung L’Organiste von César Franck für mich ein ständiger und wichtiger Begleiter gewesen. Auch wenn der Titel meiner bei Enoch & Cie, Paris, erschienenen zweibändigen und damals kaum erschwinglichen Ausgabe ein „Recueil de pièces pour orgue ou harmonium“ verspricht, so wird – nicht zuletzt durch die fast durchgängige Setzweise auf zwei Notensystemen – doch schnell klar, dass die zumeist kürzeren Stücke in erster Linie für das Harmonium bestimmt sind. An einem solchen habe ich im Orgelunterricht meine ersten Schritte dahingehend gemacht, Notentexte zu interpretieren, zu verstehen und diese auf verschiedene Arten für ein (anderes) Instrument einzurichten.
Die Sammlung L’Organiste gehört mit den Drei Chorälen zu den letzten und stilistisch überaus ausgereiften Werken César Francks – dabei stehen die kleinen Sätze des L’Organiste den großen Chorälen in nichts nach. Die Arbeit an den Drei Chorälen hatte Franck möglicherweise schon 1889 aufgenommen, sie zog sich bis in den Herbst 1890. Parallel dazu begann er im August 1890 mit der Komposition des L’Organiste. Sie war eine Auftragsarbeit des Verlegers Enoch und sollte 84 Stücke durch alle zwölf Tonstufen enthalten. Als Franck im November 1890 verstarb, waren die Choräle fertiggestellt, L’Organiste blieb mit nur 59 Stücken und vier Skizzen unvollendet und wurde 1892 posthum veröffentlicht.
Bei der zyklischen Konzeption handelt es sich quasi um eine Hommage an Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertes Klavier. Je Tonstufe hatte Franck vor, sieben Stücke, quasi eine kleine Suite, zu komponieren. Es handelt sich bei allen Werken um Originalkompositionen für diese Sammlung und nicht etwa um eine Zusammenstellung von bereits verstreut vorhandenen Zufallskompositionen. Am Ende jeder Suite steht ein umfangreicheres, „großangelegtes, teils fast symphonisches Stück in dem die freien Themen der vorhergehenden sechs kurzen Stücke wiederaufgenommen und verarbeitet werden“, wie der Herausgeber der neuen Ausgabe, Carsten Wiebusch, es beschreibt. Über den Spätstil Francks in den kleinen Meisterwerken sagt er, dass sich in ihnen eine „sehr eigentümliche Mischung aus melodischer Einfachheit und harmonisch-motivischer Meisterschaft ausbreitet“.
L’Organiste ist eine Komposition für Harmonium; die vorliegende Sammlung überträgt diese auf die Orgel. Wiebusch beobachtet in den bisherigen praktischen Ausgaben, dass „in der Regel nur die vorhandenen (Harmonium-)Noten 1:1 auf mehrere Manuale und Pedal übertragen worden“ sind. Diese simple Übertragung wird aber der Franckschen Satztechnik und Genialität nicht gerecht. Wiebusch füllt im akkordischen Satz Stimmen auf, um auch die linke Hand in das Orgelspiel mit einzubeziehen, er ergänzt Orgelpunkte, verteilt Sätze auf verschiedene Manuale (Solo und Begleitstimmen), spielt mit Manualwechseln und vieles mehr, bis hin zu einer vollständigen Änderung der Setzweise, „um Figuren, die auf der Orgel nicht gut klingen, zu vermeiden“.
Entstanden ist eine Ausgabe, die leichte bis mittelschwere Stücke anbietet, die im organistisch-liturgischen, aber auch orgelpädagogischen Alltag unterschiedlichste und vielfältige Farbtupfer setzen können. Hat L’Organiste in seiner Harmoniumfassung nie tatsächlich im Schatten der großen Orgelwerke Francks gestanden, ist mit Wiebuschs Orgelbearbeitung nun die Grundlage dafür gelegt, dass die Sammlung weitere Kreise ziehen kann. Also: Noten kaufen, üben und reichlich verwenden!
Ralf-Thomas Lindner


