Mendelssohn Bartholdy, Felix

Lieder ohne Worte (Auszüge)

Verlag/Label: Mitra CD 16 418 (2009)
erschienen in: organ 2010/04 , Seite 51

Bew­er­tung: 3 Pfeifen

Es kommt eher sel­ten vor, dass bei ein­er Orgel-CD-Pub­lika­tion die eben­so detail- wie ken­nt­nis­re­ichen und nüt­zlichen Book­let-Infor­ma­tio­nen über Reper­toireauswahl, his­­torisches Umfeld, Entste­hungs­geschichte, neb­st einge­spiel­ter Orgel und ein­spie­len­dem Kün­stler, für sich betra­chtet den Erwerb fast schon lohnen. Nach einem kurzen Abriss über die Vita von Felix Mendelssohn Bartholdy geht Rain­er Goede, langjähriger Ans­bach­er Stadt- und Stift­skan­tor sowie Orgel­sachver­ständi­ger, auf den musikol­o­gis­chen Stel­len­wert der ins­ge­samt acht Hefte der Lieder ohne Worte und speziell auf jedes einzelne der zwölf hier einge­spiel­ten Stücke detail­re­ich ein. Flankiert wer­den die Aus­führun­gen von Zitat­en aus Mendelssohns Briefen und Pub­likationen sein­er Zeitgenossen zu dieser Kom­po­si­tion­s­gat­tung. Goede beschreibt weit­er­hin die inten­sive Beschäf­ti­gung Mendelssohns mit der Orgel, der Tran­skrip­tion­s­the­matik all­ge­mein und seine eige­nen Orgel­adaptionen der Orig­i­nal­stücke für Piano solo aus op. 67 und op. 85. Fachkundig-infor­ma­tiv lesen sich eben­so die Erläuterun­gen zur Orgelfas­sung der Vari­a­tions sérieuses, von denen man nach dem Anhören der CD sagen kann, dass man sie eben­falls nicht den Pianis­ten allein über­lassen sollte.
Für den Orgel­fre­und bzw. Orgel­historiker wird die aus­führliche Beschrei­bung der His­to­rie der Wiegleb-Orgel von Wert sein, hat dieses Instru­ment doch nach der Fer­tig­stel­lung im Jahre 1739 einen lei­d­vollen Lebenslauf aufzuweisen, bis sie im Jahre 2007 durch die Rekon­struk­tion der Fir­ma Reil in Heerde (Nieder­lande) wieder­belebt wurde (organ berichtete wieder­holt). Auch die Dis­po­si­tion wird aufschluss­reich disku­tiert. Die Reg­istrierun­gen zu den einge­spiel­ten Stück­en run­den das mit einem Farb­fo­to der Wiegleb-Orgel bebilderte Heftchen infor­ma­tiv ab.
An dem wun­der­bar war­men, früh­ro­man­tisch-geheimnisvollen Tim­bre der sechs fan­tasievoll einge­set­zten, charak­ter­is­tisch stre­ichen­den Stim­men wird man sich kaum satt­hören kön­nen. Sie geben, wie es uns heute erscheint, einen authen­tis­chen Men­delssohn-Klang wieder. Vor dem ver­gle­ich­sweise „monot­o­nen“ Wohlk­lang der Lieder ohne Worte, welche den far­ben­fro­hen Klan­gre­ich­tum des großen Instru­ments freilich nur in beschei­de­nen Ansätzen auszukosten ver­mö­gen, nehmen sich die dynamisch kon­trastre­ich­er gestal­teten, kom­pos­i­torisch meis­ter­lich durchgear­beit­eten Vari­a­tio­nen umso dankbar­er aus. Ihr Aus­druck steigert sich von klas­sizis­tis­ch­er Ruhe bis hin zur drama­tis­chen Final­steigerung mit den von Mendelssohn so beab­sichtigten wiederum beruhigten – und beruhi­gen­den – Schlusstak­ten.
Das hier einge­spielte CD-Reper­toire stellt gewiss keine über­mäßi­gen tech­nis­chen Anforderun­gen an den Spiel­er und gibt wenig Anlass zu vir­tu­osem Tas­tengek­lin­gel. Goede bewältigt diese Musik gestal­ter­isch solide und ver­lässlich. Genau das Passende für eine melan­cholisch-lauschige Mußes­tunde – vor­ab schon der einzi­gar­ti­gen Orgel wegen.
Chris­t­ian Ekows­ki