Le Sommeil de l’Ange – Musique basque pour txistu et orgue

Werke von Luis Urteaga, Tomás Garbizu Salaberria, Juan Urteaga, Gorka Cuesta, Eduardo Gorosarri und Sabin Salaberri

Verlag/Label: Editions Hortus, HORTUS 077 (2010)
erschienen in: organ 2011/01 , Seite 59

Bew­er­tung: 5 Pfeifen


Die txis­tu ist eine volk­stüm­liche Holzflöte, 43 Zen­time­ter lang, die (nur) mit der linken Hand gespielt wird, während sich der Flötist auf ein­er kleinen Trom­mel (tam­bo­ril) begleit­et, tra­di­tionell in einem kleinen txis­tu-Ensem­ble. In unserem Fall wird dieses urbask­ische Spiel mit der (Kirchen-) Orgel kom­biniert. Andere Werke auf der CD sind Solokom­po­si­tio­nen für Orgel; sie klin­gen irgend­wie nach César Franck und Guilmant 
Der kom­merziellen Bear­beitungswut fall­en immer wieder schöne und nicht so schöne Melo­di­en zum Opfer, mal für Trompete oder Sax­o­fon oder für rührseliges Cel­lo und Orgel. Im Gegen­satz zu manch solchen akustis­chen Schmonzetten han­delt es sich bei der vor­liegen­den CD um bask­ische Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen, die das tra­di­tionelle Flöten- und Trom­mel- sowie das Orgel­spiel fil­igran und herz­er­frischend zur Gel­tung brin­gen. Ser­gio Torices Rol­dán (txis­tu) und Jesús Martín Moro sind ein blendend spie­len­des Team, das den Engel san­ft aus seinem Schlaf weckt (Le Som­meil de l’Ange).
Ein weit­eres Kom­pli­ment muss Françoise Clas­tri­er für das dreis­prachige Book­let (franzö­sisch, bask­isch, englisch) aus­ge­sprochen wer­den. Jed­er Satz offen­bart das umfassende Wis­sen der Autorin, die einen angenehm unakademis­chen Text ver­fasste. So ist die Kurzbi­ografie von Eduar­do Gorosar­ri Maiztegui (1889–1947) ein denkenswertes Mu­sik‑, Kul­tur und Zeitzeug­nis: Nach seinem Musik­studi­um in Pam­plona wurde Maiztegui 1917 zum Priester gewei­ht. Danach war er Organ­ist der Cavail­lé Coll-Orgeln in Ondar­roa und Begoña (Bil­bao). Als namhafter txis­tu­lai wurde er 1927 zum Präsi­den­ten der Asso­ci­a­tion des Tixs­tu­laris du Pays Basques gewählt. 1937 floh er vor der Fran­co-Dik­tatur nach Eng­land; mit an Bord waren 4000 bask­ische Kinder, denen er die Über­fahrt mit seinem txis­tu-Spiel verkürzte. Als nation­al gesin­nter bask­isch­er Priester find­et sich sein Name in den geheimen Archiv­en des Vatikans. In seinem späteren bel­gis­chen Exil studierte er bei Floor Peeters. 1940 kehrte er in seine bask­ische Heimat zurück.
Mit dieser CD ist eine bemerkenswerte Mix­tur ver­schieden­er Aspek­te gelun­gen: a) unbekan­nte bask­ische Orgel- und txis­tu-Musik (teil­weise Erstein­spielun­gen); b) ein tra­di­tionelles bask­isches Musikin­stru­ment; c) unbekan­nte, her­vor­ra­gende Kom­pon­is­ten und Inter­pre­ten sowie
d) ein Ein­druck der klangschö­nen neuen Dal­dos­so-Orgel (2009) an der spanis­chen Küste des Baskenlandes.
Diese bask­ische Musik inte­gri­ert vieles aus ihren Periph­e­rien: Franzö­sis­che sin­fonis­che Orgel­tra­di­tion und spanis­ches Tem­pera­ment, aber auch Melan­cholie mis­chen sich har­monisch mit und in bask­isch­er Kultur. 

Johannes Ring