Debussy, Claude

La Cathédrale engloutie

Préludes II | Suite berga­masque. Piano Works in Transcription for Organ

Verlag/Label: audite/SWR, audite 97.699 (2013)
erschienen in: organ 2014/01 , Seite 56

4 von 5 Pfeifen

Grundle­gen­des Prinzip jed­er musikalis­chen Bear­beitung ist die Abstrak­tion der gewählten Vor­lage und deren Adap­tion auf die neuen Ver­hält­nisse durch den Bear­beit­er. Das Ganze gle­icht also ein­er „phänom­e­nol­o­gis­chen“ Betra­ch­tung, bei der sich aus der ursprünglichen Idee von selb­st neue Abbilder evozieren, die der Bear­beit­er fix­iert, um sie anschließend als Grund­lage ein­er Inter­pre­ta­tion am Instru­ment zugänglich zu machen. Ste­ht am Ende ein gelun­ge­nes Resul­tat, so ist der Zugewinn an Reper­toire eher ein Neben­ef­fekt, wen­ngle­ich ein als über­aus pos­i­tiv anzusehender 
Betra­chtet man Carsten Wiebuschs (*1969) Bear­beitun­gen von Klavier­w­erken Claude Debussys für Orgel aus dieser Tra­di­tion, dann darf man dur­chaus berechtigt die Frage stellen, warum nicht schon früher die Stücke dieses wichti­gen franzö­sis­chen Kom­pon­is­ten trans­kribiert wor­den sind. Die Kom­po­si­tio­nen erscheinen in der Orgel wie orig­inär ver­wurzelt. Nicht nur die kantablen Phrasen der choral­haften Lin­ien, son­dern auch die rez­i­ta­tivis­chen Motive ein­er instru­men­tal­en Idiomatik gewin­nen an Trans­parenz. Ohne das eine Instru­ment gegen das andere „ausspie­len“ zu wollen, wird ersichtlich, dass die schi­er unendliche Vari­a­tions­bre­ite ein­er nuancierten Klangge­bung beim Konz­ert­flügel durch die tech­nis­chen und klan­glichen Optio­nen bei ein­er Konz­er­torgel noch ein­mal spek­tral erweit­ert wer­den kann.
Sicher­lich tra­gen zu diesem güns­tigen Ein­druck die Qual­itäten der einge­spiel­ten Klais-Orgel der Karl­sruher Chris­tuskirche mit ihren 84 klin­gen­den Reg­is­tern bei. Diese be­inhaltet zwei Schicht­en von Pfeifen, näm­lich eine neo­barocke von 1966 und eine sym­phonis­che von 2010, die über eine neue tech­nis­che Anlage miteinan­der ver­bun­den sind. Auch wenn eine into­na­torische Angle­ichung des älteren Bestands an den jün­geren auf­grund denkmalpflegerisch­er Aspek­te nicht stattge­fun­den hat, so dass bei­de eher kom­pro­miss­los ihren stilis­tis­chen Vor­gaben fol­gen, macht es Wiebuschs Reg­istrierung doch möglich, dass die notwendi­ger­weise auftre­tenden Diver­gen­zen im Klang­bild mar­gin­al bleiben. Im Wis­sen um diese Prob­lematik der Orgel muss man dem Organ­is­ten Respekt zollen: Die Kom­mu­nika­tion zwis­chen Inter­pret und Instru­ment ist gelun­gen. Vor dem inneren Auge entste­hen Tongemälde, in denen sich eine Klang­far­benkun­st wider­spiegelt, wie sie Debussys Musik zueigen und wie sie mit der pro­gram­ma­tis­chen Wahl entsprechen­der Titel für die Werke von diesem auch impliziert ist.
Beson­ders ein­drucksvoll zeigt sich das in dem wohl orgel­gemäßesten der hier vorgestell­ten Stücke, „La ca­thé­drale engloutie“ (Die ver­sunkene Kathe­drale), dem einzi­gen Satz aus dem Pre­mier Livre des Pre­ludes (1909–10): Schemen­haft nur sind die Kon­turen der Architek­tur zu erken­nen, bis in mix­turen­haften Akko­r­den über einem Orgelpunkt das gewaltige Bauw­erk aus längst ver­gan­gener Zeit emporsteigt. Im Sec­ond Livre des Pre­ludes (1910–12), das kom­plett einge­spielt ist, flir­ren geis­ter­hafte Gestal­ten in „Les Fées sont d’exquises danseuses“ (Die Feen sind aus­geze­ich­nete Tänz­erin­nen) vorüber, reflek­tieren fil­igrane Fig­uren das schim­mernde Licht auf der „Ter­rasse des audi­ences du claire de lune“ (Ter­rasse der Mond­schein-Audien­zen) oder ver­liert sich die Erin­nerung in den Kon­turen der „Canope“ (Toten­vasen). Und auch in den vier Sätzen der Suite berga­masque (1890) vol­lzieht die Orgel den Wech­sel von Stim­mungen in ein­er Leichtigkeit, die dem Charak­ter des der Kom­po­si­tion wohl zugrunde liegen­den Gedichts von Paul Ver­laine (1844–96) entspricht.
In den 77 Minuten Spielzeit bleiben am Ende wenig Wün­sche offen, wed­er an das Instru­ment noch an den Inter­pre­ten: Bei­de zeigen sich wand­lungs­fähig-vielgestaltig und dienen im besten Sinne der Musik. Das zweis­prachige Bei­heft (deutsch/ englisch) bein­hal­tet eine umfan­gre­ichere Ein­führung der SWR-Redak­teurin Ker­stin Unseld, die Vita des Inter­pre­ten und Infor­ma­tio­nen über das Instru­ment mit Disposition.

Michael Ger­hard Kaufmann