Händel, Georg Friedrich

Konzerte für Orgel solo Op. 4, 1–6

Verlag/Label: Fagott F-3911-9 (2017)
erschienen in: organ 2017/03 , Seite 49

4 von 5 Pfeifen

Die Orgelkonz­erte Georg Friedrich Hän­dels gehören zu Recht zu den beliebtesten Schöp­fun­gen des großen Barock­kom­pon­is­ten. Ihre Entste­hung ver­danken sie im Grunde ein­er umfassenden, aus wirtschaftlich­er Schieflage her­aus vorgenomme­nen „Kor­rek­tur“ von Hän­dels Lon­don­er Oper­nun­ternehmungen, die sich zunehmen­dem Konkurrenz­druck durch Nico­la Por­po­ras „Opera of the Nobil­i­ty“ aus­ge­set­zt sahen. Ab 1733 bot Hän­del in seinem Opern­haus nun englis­chsprachige Ora­to­rien­auf­führun­gen an, die auch unter­halt­same „Zwis­chenak­tsmusiken“ in Form von Con­cer­ti grossi und hochvir­tu­osen Orgel-Orch­esterkon­z­erten ein­schlossen. Diese neuar­tige Form des Solokonz­erts scheint beim Pub­likum rasch an Beliebtheit gewon­nen zu haben, denn Hän­del ließ sich 1738 und 1739 zwei ver­hält­nis­mäßig reich disponierte, durch­set­zungs­fähige Orgeln bauen. Das ins­gesamt sechs Konz­erte umfassende Opus 4 wurde im Jahre 1738 im Druck veröf­fentlicht. Wie so häu­fig hat Hän­del auch hier bei schon beste­hen­den eige­nen Werken, aber auch – wie im Barockzeital­ter keine unübliche Prax­is – bei denen fremder Meis­ter Anlei­hen genom­men.
Bis heute haben diese Konz­erte in ihrer Pracht und klan­glichen Delikatesse ihre unmit­tel­bare Wirkung behal­ten kön­nen. Aus diesem Grund ver­wun­dert es nicht, dass ab der Mitte des 19. Jahrhun­derts zahlre­iche Bear­beitun­gen und Tran­skrip­tio­nen für die solis­tis­che Orgel ent­standen – die inzwis­chen weit­ge­hend autarken Spielmöglichkeit­en der großen Instru­mente dieser und späteren Zeit erlaubten es nun dem geschick­ten Spiel­er, dem zugle­ich oft­mals pathetis­chen und grund­sät­zlich „großar­tig“ anmu­ten­den Charak­ter von Hän­dels Musik adäquat Rech­nung zu tra­gen.
Nun hat sich Irénée Pey­rot, seit 2005 Organ­ist an der Mark­tkirche in Hän­dels Geburtsstadt Halle (Saale), dieser Werke angenom­men und sie in ein­er eige­nen, weitest­ge­hend am erhal­te­nen Urtext ori­en­tierten Ver­sion einge­spielt. Die Mark­tkirche ist mit dem Namen Hän­dels insofern beson­ders ver­bun­den, weil sie seine Taufkirche ist und sein Lehrer Friedrich Wil­helm Zachow hier lange Jahre gewirkt hat. Neben der wun­der­vollen Reichel-Orgel von 1663 besitzt die Kirche eine mod­erne Schuke-Orgel von 1984 (III/56/P), die hin­ter dem prachtvollen Barock­prospekt der Cuntz­ius-Orgel von 1716 errichtet und 2007 von Orgel­bau Sauer behut­sam reor­gan­isiert wor­den war.
Irénée Pey­rot musiziert far­ben­re­ich, stilis­tisch wohlin­formiert und mit der bisweilen geforderten „großen Geste“. Die zahlre­ichen Ple­na der Orgel wer­den aus­führlich vorge­führt, eben­so deren vielfältige solis­tis­che Möglichkeit­en. Trotz der rel­a­tiv direkt anmu­ten­den Auf­nahme stellt sich auf­grund der gle­ich­stu­fi­gen Stim­mung nicht immer eine per­fek­te klan­gliche Präg­nanz ein, was vor allem bei den gemis­cht­en Stim­men (z. B. Sesquial­tera) zu Buche schlägt. Bei eini­gen weni­gen schnellen Sätzen hätte ich mir per­sön­lich auch noch etwas mehr Brio und „impro­visatorische“ Bril­lanz im Gestis­chen gewün­scht. Ins­ge­samt ist diese Auf­nahme aber eine wohlfeile Gele­gen­heit, Hän­dels beliebte Konz­erte hier als reine „Orgel­musik“ nochmals näher ken­nen zu ler­nen!

Chris­t­ian Brem­beck