Braunfels, Walter

Konzert für Orgel, Knabenchor und Orchester und andere Welt-Ersteinspielungen

Verlag/Label: Oehms Classics OC 411 (2012)
erschienen in: organ 2012/04 , Seite 57

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Hört man die ersten Tak­te dieser CD, schaut man möglicher­weise irri­tiert ins Book­let, ob man über­haupt die richtige Auf­nahme erwis­cht hat: Der drama­tisch-ras­ante Stre­ich­er­sturm des Anfangs bietet überdeut­liche Rem­i­niszen­zen an das Vor­spiel des ersten Akts von Wag­n­ers Walküre. Tat­säch­lich han­delt es sich hier um das Konz­ert für Orgel, Knaben­chor und Orch­ester op. 38 von Wal­ter Braun­fels, dessen kom­pos­i­torisches Œuvre erst seit den 1990er Jahren wieder bre­it­ere Beach­tung find­et.
Dieses 1928 unter der Stabführung von Wil­helm Furtwän­gler und Gün­ther Ramin im Leipziger Gewand­haus uraufge­führte Stück gilt als das Hauptwerk des damals sehr bekan­nten Kom­pon­is­ten, dessen Mut­ter Helene Spohr, eine Großnichte von Louis Spohr, mit Clara Schu­mann und Franz Liszt befre­un­det war. Braun­fels stand mit zahlre­ichen bedeu­ten­den Kom­pon­is­ten und Diri­gen­ten sein­er Zeit in Verbindung, die ihm ihren Res­pekt nicht ver­sagten. Als „Hal­b­jude“ gebrand­markt, fand sein öffentlich­es Schaf­fen eine jähe Unter­brechung: Er erhielt ab 1933 ein totales Auf­führungsver­bot. Aller Ämter, unter anderem vom Direk­torat der Musikhochschule Köln, beraubt, zog er sich in die innere Emi­gra­tion an den Bodensee zurück. Braun­fels’ postro­man­tis­che Ton­sprache zeich­net sich u. a. durch eine stark durchchro­ma­tisierte, bis an die Gren­zen der Tonal­ität getriebene Har­monik aus.
Die Aufze­ich­nung von Opus 38 hin­ter­lässt einen wenig begeis­tern­den Ein­druck. Die Münch­en­er Sym­phoniker dominieren das rel­a­tiv dumpfe und unin­spiri­erte Klang­bild. Der sehr klar und sich­er sin­gende Tölz­er Knaben­chor gestal­tet luzide die Choralmelodie Sei ge­grüßet, Jungfraue als can­tus fir­mus, wobei Ive­ta Apkalna mit der allzu farb­armen, wenig expres­siv­en Stein­mey­er-Orgel im Münch­en­er Herkules-Saal kaum echte klan­gliche Kon­tra­punk­te zu set­zen ver­mag.
Um so viel mehr überzeugt, nein über­wältigt die zwis­chen 1933 und 1942 ent­standene Sonate für Orgel op. 43, die in der meis­ter­lichen Wieder­gabe durch Han­sjörg Albrecht mit hin­reißen­dem Impe­tus und außeror­dentlichem Reich­tum an Klang­far­ben der Kleuk­er- und Mutin-Orgel in der Kiel­er St.-Nikolai-Kirche eine „gültige“ Inter­pre­ta­tion erfährt. Dieses wegen seines außeror­dentlichen Fan­tasiere­ich­tums – bemerkenswert die beza­ubernde Kan­ti­lene im zweit­en Satz und die abschließende B-A-C-H-Fuge – und For­mvol­len­dung beachtliche Werk bietet eine echte Bere­icherung für das Reper­toire eines jeden tech­nisch ver­sierten Organ­is­ten. (Die Noten-Erstaus­gabe, hg. von Han­sjörg Albrecht, ist im Herb­st 2012 bei Ries & Erler erschienen).
Die Sym­phonis­chen Vari­a­tio­nen op. 15 für Kinder­chor und Orches­ter (hier in der Wieder­gabe mit den Münch­n­er Sym­phonikern unter Han­sjörg Albrecht) ver­di­enen nicht allein wegen der Fülle orig­ineller Ein­fälle und der iro­nisch-heit­eren Atmo­sphäre einen neuer­lichen Einzug in die Konz­ert­säle.

Chris­t­ian Ekows­ki