Krämer, Thomas

Kontrapunkt in Selbst­studium und Unterricht

Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2012, 486 Seiten, 38 Euro
erschienen in: organ 2012/03 , Seite 56

Unter den musik­the­o­retis­chen Diszi­plinen führt das Fach „Kon­tra­punkt“ ver­mut­lich nicht ger­ade die Beliebtheitsskala an. Die Gründe hier­für liegen sicher­lich im heute wie einst als „akademisch“ emp­fun­de­nen scholastis­chen Regelka­non, der zumin­d­est auf den ersten Blick nur wenig Raum für kreative Prozesse zu lassen scheint. Die didak­tis­che Kom­pe­tenz des ver­mit­tel­nden The­o­rielehrers scheint ger­ade hier mehr gefragt zu sein als bei den meis­ten anderen musikalisch-propädeutis­chen Fäch­ern und fordert ein abge­wo­genes Maß zwis­chen Frei­heit und Regelkon­for­mität. Vielerorts begeg­net bis heute ein sehr ver­schultes Ver­ständ­nis von Kon­tra­punkt im Sinne ein­er bloßen kom­pos­i­torischen Gram­matik als ein­er Kom­po­si­tion­sweise, die in der spät­mit­te­lal­ter­lichen Poly­phonie fußt und jew­eils nur mit richtig (= regelkon­form) oder falsch (= regel­widrig) bew­ertet wer­den kann.
In dem bei Bre­itkopf &?Härtel neu erschiene­nen Lehrbuch Kon­tra­punkt in Selb­st­studi­um und Unter­richt gewährt der bekan­nte Musik­the­o­retik­er und Hochschullehrer Thomas Krämer Ein­blick in „das Ergeb­nis eines Jahrzehnte währen­den Rin­gens um eine musik­na­he Ver­mit­tlung des Fachs Kon­tra­punkt“. Es ver­ste­ht sich in gewiss­er Weise als Ergänzung und unmit­tel­bare the­ma­tis­che Fort­führung des Lehrbuchs Har­monielehre in Selb­st­studi­um und Unter­richt (1991) des Autors, das inzwis­chen in ein­er stark über­ar­beit­eten Neuau­flage vor­liegt. 1997 erschien ein weit­er­er Fol­ge­band, das Lehrbuch der har­monis­chen Analyse.
Um es vor­wegzunehmen: auch das jüng­ste Lehrw­erk ist Thomas Krämer run­dum geglückt und bildet die wohl gründlich­ste neuere Darstel­lung zum The­ma in der Gestalt eines Arbeits­buchs. Krämer bietet mit dieser Pub­lika­tion ein kleines Kom­pendi­um, das für viele Zwecke Anwend­barkeit besitzt: Der bere­its fer­tig studierte Musik­er kann sich anhand der kurz gefassten Def­i­n­i­tio­nen (mit Beispie­len) bes­timmte Begriffe noch ein­mal in ihrer Phänom­e­nolo­gie in Erin­nerung rufen; der Ler­nende öffnet ein prak­tis­ches und klar ver­ständlich­es Hand­buch mit ein­er päd­a­gogisch gelun­genen Konzep­tion.
Kurz zur Konzep­tion des Buchs: Der rote Faden spin­nt sich von der Ein- bis hin zur Acht­stim­migkeit, dabei wer­den jew­eils nicht nur kon­tra­punk­tis­che Prob­lem­stel­lun­gen erfasst und behan­delt, son­dern gelun­gene Exkurse in the­menüber­greifende Bere­iche wie Musikgeschichte, barocke Affek­ten­lehre oder Har­monielehre unter­nom­men (ein Wag­nis, das bei ver­gle­ich­baren Pub­lika­tio­nen bisweilen auch miss­glück­te).
Das Buch überzeugt nicht zulet­zt wegen seines hohen Prax­is­bezugs und sein­er prak­tik­ablen Hand­hab­barkeit: Zu jedem The­ma wer­den neben Beispie­len aus der Musikgeschichte jew­eils konkrete Auf­gaben gestellt, deren Lösung der Autor im Anhang mit­teilt. Mu­siker­Innen, die in ihrer Beruf­sprax­is wohl am meis­ten mit dem The­ma „Kon­tra­punkt“ kon­fron­tiert sind, also Organ­is­ten und Cembalis­ten, sei das Buch ganz beson­ders ans Herz gelegt, zeigt sich der Autor als Hochschullehrer hier als ein Mann der kirchen­musikalis­chen Prax­is, der die hohe Präferenz des Kon­tra­punk­ts für den Bere­ich des Litur­gis­chen Orgel­spiels aus eigen­er Erfahrung richtig einzuschätzen und anzuwen­den weiß.

Jörg Abbing