Jubilee Edition 2011 – Franz Liszt

Complete Works for Organ

Verlag/Label: Querstand VKJK 1019 (2011)
erschienen in: organ 2012/02 , Seite 52

2 von 5 Pfeifen

Kom­pon­is­ten­ju­biläen führen meist zu zahlre­ichen Neuer­schei­n­un­gen auf dem Schallplat­ten­markt. Oft sind ver­i­ta­ble Ent­deck­un­gen dabei. Hier ist höchst pos­i­tiv anzumerken, dass auch die kleineren Orgel­w­erke Liszts aufgenom­men sind, die im Gegen­satz zu den drei großen Werken eher sel­ten auf Ton­träger erscheinen. Gle­ichzeit­ig stellt sich der Inter­pret natür­lich mit „Ad nos“, BACH und „Weinen, Kla­gen“ in Konkur­renz zu zahlre­ichen bere­its exis­tierenden her­vor­ra­gen­den Auf­nah­men und muss sich an diesen messen lassen. Grund­sät­zlich sei gesagt, dass hier selb­stver­ständlich ein rou­tiniert­er Organ­ist auf pro­fes­sionellem Niveau spielt. Allerd­ings ist hier „gut“ eben nicht gut genug, um eine weit­ere Auf­nahme der sattsam bekan­nten Stücke zu recht­fer­ti­gen.
Die Spiel­d­auer der Propheten­fantasie bezeugt eher gemäch­liche Tem­pi. Das kommt lei­der nicht einem Ausspie­len der lyrischen Momente zugute, son­dern liegt an ein­er heil­los ver­schleppten Fuge. Schon in den Anfangstak­ten kündigt sich das grund­sät­zliche Prob­lem an: Die kurzat­mi­gen Phrasierun­gen ver­hin­dern jeden größeren Bogen und lassen den musikalis­chen Fluss auf der Stelle treten. Eben­so hört man BACH mit steigen­der Ungeduld, weniger wegen eines zu langsamen Tem­pos, son­dern wegen des völ­li­gen Fehlens größer­er Span­nungs­bö­gen.
Ähn­lich prob­lema­tisch stellen sich die Reg­istrierun­gen dar: hier eine zu pas­tos-dick­liche Mis­chung, dort eine unbe­friedi­gende Soloreg­istrierung auf dem neo­barock­en Rück­pos­i­tiv, die einem Bux­te­hude-Choralvor­spiel bess­er zu Gesicht ges­tanden hätte. Hier ein miss­lun­ge­nes Crescen­do mit unschön here­in­rumpel­nden Zun­gen, dort ein hol­priges Decrescen­do. Die für die Auf­nahme ver­wen­dete Jehm­lich-Orgel tut ein Übriges, den ungüns­tigen Ein­druck zu ver­stärken. Sich­er han­delt es sich um ein viel­seit­ig ver­wend­bares „mo­dernes“ Uni­ver­salin­stru­ment. Ob aber für ein solch­es Auf­nah­me­pro­jekt die richtige Wahl getrof­fen wurde, muss bezweifelt wer­den. Viele Far­ben bleiben unverbindlich, von fast syn­thetis­ch­er Glätte. Das Rück­pos­i­tiv ist klan­glich schlecht inte­gri­ert, was auch an der Auf­nah­me­tech­nik liegen mag, und addiert mit hohen Aliquoten und ein­er deut­lich spu­ckenden Quin­tade eine neo­barocke Note zum Gesamtk­lang, die nicht recht passen will.
Eine Beson­der­heit stellen natür­lich die sel­ten einge­spiel­ten kleineren Stücke dar. Bei tech­nisch gerin­geren Anforderun­gen zieht sich Liszt auf einen musikalis­chen Min­i­mal­is­mus zurück, kom­poniert qua­si sein eigenes kom­pos­i­torisches Ver­s­tum­men auf erschüt­ternde Weise mit. Lei­der bleiben auch hier Wün­sche offen: Es fehlt wiederum oft an aus­re­ichen­der Innenspan­nung und klan­glich­er Fan­tasie; als Beispiel mögen die blass ger­ate­nen Kreuzan­dacht­en gel­ten. Andere Zyk­len sind bess­er gelun­gen, wie z. B. Der Wei­h­nachts­baum. Aber selb­st dort ist es nicht schw­er, atmo­sphärisch dichtere Alter­na­tiv­en zu benen­nen, wie die alte, noch auf LP erschienene Auf­nahme einiger Num­mern mit Her­mann J. Busch in Kuchen­heim. Begrüßenswert ist sich­er, hier alle Werke Liszt greif­bar zu haben; musikalisch muss man eher von ein­er ver­ta­nen Chance sprechen.

Axel Wilberg