Iveta Apkalna – Pärt & Vasks
Pēteris Vasks: Te Deum / Viatore | Arvo Pärt: Pari intervallo / Spiegel im Spiegel / Annum per annum / Trivium. Iveta Apkalna an der Orgel der Konzerthalle „Latvija“ in Ventspils (Lettland)
Ruhige, weite Landschaften und Menschen von zurückhaltender, naturverbundener und starker Mentalität – das mögen als charakterisierende Worte für Lettland und das Baltikum Klischees sein. Und doch spiegeln sich genau diese Eigenschaften in dem fünften bei Berlin Classics erschienenen Album der lettischen Organistin Iveta Apkalna wider.
Die Künstlerin begegnet Pēteris Vasks und Arvo Pärt nicht als distanzierte Interpretin, sondern sozusagen als Vertraute. Apkalna spricht von „Seelenverwandten“ – und man hört, was damit gemeint ist. Der darin anklingende baltische Patriotismus bleibt unaufdringlich; er wirkt eher wie ein warmer Unterton, gespeist aus kollektiver Erinnerung – etwa an die „Singende Revolution“, als Hunderttausende Letten mit dem gemeinsamen Gesang verbotener Volkslieder ihre Unabhängigkeit erstritten. Diese Momente finden Widerhall in Vasks’ Musik.
Doch das ist nicht das Entscheidende. Vielmehr ist es der lange Atem, mit dem sich das Programm entfaltet – Virtuosität im vordergründigen Sinne spielt keine Rolle; stattdessen entsteht Spannung aus der Geduld des Hörens und Gestaltens. Besonders deutlich wird das in Vasks’ Viator, einem Werk, das Apkalna seit ihren Anfängen begleitet: eine Reise, die weniger voranschreitet als sich vertieft. Apkalna vertraut, wie sie selbst formuliert, der Ruhe – „weniger Noten, die dafür mehr bedeuten“.
Diese Haltung prägt auch die Pärt-Interpretationen: Pari intervallo und Trivium gewinnen ihre Wirkung aus Reduktion, aus Klarheit, aus der Fähigkeit, Klang in seiner bloßen Existenz sprechen zu lassen. Selbst Spiegel im Spiegel wirkt hier nicht wie ein vertrautes Repertoirestück, sondern wie ein Innehalten.
Für Apkalna, zuhause in Konzertsälen weltweit, war es naheliegend, das Programm nicht in einer Kirche, sondern im Konzertsaal „Latvija“ im lettischen Ventspils einzuspielen. Tatsächlich geht damit ein Teil jener mystischen Aura verloren, die der sakrale Raum mit seinem natürlichen Nachhall geboten hätte. Doch Apkalna kehrt diesen vermeintlichen Nachteil produktiv um: „Die Klarheit, die ich dort gewinne, lässt jede Note sprechen.“ Der Nachhall wird damit vom Raum ins Innere verlagert – eine ästhetische Verschiebung, die dieser Aufnahme ihre besondere Intimität verleiht. Die Musik wirkt weniger entrückt, dafür unmittelbarer, fast greifbar. In dieses bewusst „entmystifizierte“ Klangbild fügt sich die Klais-Orgel (2019, IV/93) schlüssig ein: Ihre farbig-differenzierte Klanglichkeit ermöglicht jene Transparenz, die Apkalna sucht, ohne die Dimension der Tiefe preiszugeben.
So bleibt der Eindruck einer Aufnahme, die sich jeder schnellen Wirkung entzieht – nicht spektakulär, aber eindringlich, nicht laut, aber nachhaltig: still, weit und von jener unaufdringlichen Intensität, die man wohl mit gutem Grund „baltisch“ nennen darf.
Gabriel Isenberg


