Marco Facoli (ca. 1540–1586)

Il Secondo Libro d’Intavolatura di Balli d’Arpicordo

Venedig 1588, für Orgel (Cembalo), hg. von Jolando Scarpa und Martina Seleni

Verlag/Label: Edition Walhall EW 1300
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/02 , Seite 58

Wer bislang der Meinung war, das Repertoire italienischer Musik aus dem Seicento für Tasteninstrumente beschränke sich im Wesentlichen stereotyp auf die gängigen Gattungen Toccata, Ricercar, Intavolatura und Canzona, wird durch das von Jolanda Scarpa und Martina Seleni herausgegebene Secondo Libro d’Intavolatura di Balli d’Arpicordo von Marco Facoli (ca. 1540–86) angenehm überrascht. Diese posthum 1588 in Venedig bei Gardano erschienene Sammlung enthält – eingerahmt von einem sechsteilig variierten Pass’e mezo und einem dem Druck hinzugefügten handschriftlichen Passamezzo (aus dem Royal College of Music in London) – ein Miniaturenkabinett weiblich betitelter Tanzsätze. Neben vier Padoanen (Pavanen) sind zwölf Arien der holden Weiblichkeit gewidmet. Da­mit hat Facoli im Lande der belle donne auf das musikalische Frauenlob im Bereich der Claviermusik quasi das Patentrecht, was bald eine Nachfolge bei Claudio Merulos Can­zoni d’Intavolatura d’Organo, Libro Secondo mit elf weiblichen Charaktertiteln findet. Da der Gebrauch dieser Sammlung eher im Bereich des Theaters anzusiedeln ist, könnten hierin Tänzerinnen oder Sängerinnen musikalisch verewigt sein. Im informativen Vorwort (italienisch und englisch) weisen Scarpa und Seleni auf weitere bedeutsame gattungsmäßige Innovationen hin: der Satztyp Aria erscheint hier in einem Instrumentalstück; zwei Tedescas können als Vorläuferinnen der späteren Allemanden angesehen werden.
Wenngleich die Informationen zur Biografie des im Umfeld der her­zöglichen Capella von San Marco lebenden Facoli recht spärlich sind, so überrascht eine Notiz aus dem historischen Archiv von Venedig, dass Facoli die musikalische Ausbildung seines Sohnes Ottavio keinem Geringeren als Andrea Gabrieli anvertraut hatte. Von geradezu skurrilem Humor zeugt Facolis testamentarische Verfügung, dass sein Sarg in Form eines Arpicords (Cembalos) gefertigt werden sollte.
Während bei den meisten kürzeren Padoanen, den Arien und bei einem Saltarello über den Akkordgriffen der linken Hand eine aperio­dische Abfolge diminuierter Melodien und dreistimmiger Akkorde angelegt sind, ist in den beiden ausgedehnten Pass’e mezi eine Entwicklung zur figurierten Auflösung der starren Akkordgriffe zu beobachten. Ausnotierte Akkordarpeggierungen sind von aufführungspraktischem Interesse.
Zu den beiden Quellen, dem Gardanodruck aus der Bibliothek des Conservatorio S. Cecilia in Roma und der Londoner Handschrift, sind zwar Hyperlinks angegeben, die aber leider keine unmittelbare Einsicht in die Vorlagen ermög­lichen. Das gewohnt übersichtliche Druckbild der Edition orientiert sich an der italienischen Partituranordnung, was gelegentlich mehrere Hilfslinien erforderlich macht. Offensichtliche Fehler sind stillschweigend korrigiert worden, hinzugefügte Akzidenzien durch Kleindruck kenntlich gemacht.

Josef Miltschitzky

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