Carpenter, Cameron

If You Could Read My Mind

Orgelwerke und Bearbeitungen von Bach, Dupré, Bernstein, Rachmaninow, Piazzolla, Carpenter u. a.

Verlag/Label: Sony CD (+ DVD) 88883796882
erschienen in: organ 2015/01 , Seite 55

3 von 5 Pfeifen

Reisende Organ­is­ten müssen sich vor Ort auf die unter­schiedlichen Dis­po­si­tio­nen und Klan­gräume der vorhan­de­nen Instru­mente ein­stellen: eine reizvolle Her­aus­forderung zur Neu-Inter­pre­ta­tion unter stets wech­sel­nden Gegeben­heit­en. Ganz anders ver­fährt der heute in Berlin lebende US-Amerikan­er Cameron Car­pen­ter: Er hat sich von der Fir­ma Mar­shall & Ogle­tree aus Need­ham (Mass­a­chu­setts) ein per Last­wa­gen trans­porta­bles elek­tro­n­isch-dig­i­tales Instru­ment erbauen lassen, die soge­nan­nte „Inter­na­tion­al Tour­ing Organ“, so dass seine in Klang und Bewe­gungsablauf akribisch aus­ge­feil­ten Arrange­ments allerorts iden­tisch ablaufen kön­nen.
Für Orgel-Puris­ten wird es allerd­ings ein Graus sein, den Klän­gen der „Inter­na­tion­al Tour­ing Organ“ zu lauschen, in der eine Vielfalt tra­di­tioneller Pfeifenorgel-Klänge gesam­pelt ist – von der großen Domorgel bis hin zum Kinoin­stru­ment à la Wurl­itzer. Einen weit­eren Schock wer­den sie erlei­den, wenn ihnen Cameron Car­pen­ters Spiel in der vor­liegen­den Dop­peledi­tion aus CD und DVD auch im Video­clip begeg­net: denn zum eksta­tisch musizieren­den Pop­kün­stler stil­isiert dieser sich bei seinen Auftrit­ten in Fein­ripp-Unter­hemd und mit Iroke­sen-Frisur …
Über die Ästhetik, nach der dieser genialis­che (oder doch: geniale?) Kün­stler musiziert, lässt sich tre­f­flich stre­it­en, nicht aber über seine tran­szen­den­tale Vir­tu­osität (im Liszt’­schen Sinne). Spek­takulär ist zumal Camerons akro­batis­ches Ped­al­spiel, wenn er dort etwa das Präludi­um aus J. S. Bachs G-Dur-Suite BWV 1007 anstimmt und in freier Agogik die Sprung­weit­en des Cel­lis­ten auf den Sait­en in adäquate Bewe­gun­gen der Füße über­set­zt. Der tra­di­tionellen Kirchenorgel und ihrem Reper­toire nähert Car­pen­ter sich in Mar­cel Duprés Vari­a­tions sur un Noël sowie in Bachs sech­ster Triosonate. Doch seine eigentliche Domäne ist die Tran­skrip­tion und kreative Weit­er­en­twick­lung bekan­nter Mod­elle. Täuschend bis hin zur Mimikry und mit stu­pen­der Vir­tu­osität auf dem Ped­al und den fünf Man­ualen seines Instru­ments erzeugt er den Ein­druck, ein Orches­ter musiziere Bern­steins Can­dide-Ouvertüre. Unge­bun­den­er lässt er seine Fan­tasie wuch­ern, wenn er Bachs schon erwäh­ntes Cel­lo-Präludi­um nach anfänglichem Zitat freizügig weit­er­spin­nend in eine „Elab­o­ra­tion“ mün­den lässt oder eine eigene Music for an Imag­i­nary Film gestal­tet.
Stilschranken ken­nt der Organ­ist bei sein­er Stück­auswahl nicht. Da haben Liszts La Cam­panel­la-Etüde, Skr­jabins vierte Klavier­son­ate und Astor Piaz­zol­las Obliv­ion eben­so ihren Platz wie eine Gruppe von Pop­songs, die für Car­pen­ter eine andere Art Sakral­musik darstellen: Dass Leonard Cohens Sis­ters of Mer­cy für ihn spir­ituelle Qual­ität besitzt, macht sein Orge­larrange­ment in der Manier eines „Ada­gio reli­gioso“ deut­lich.
 
Ger­hard Dietel