Gleißner, Walter (*1931)

Hymnus und Sequenz für Orgel

Verlag/Label: Edition Dohr 16435
erschienen in: organ 2017/01 , Seite 62

Der 85-jährige katholis­che Kirchen­musik­er, Kom­pon­ist, Konz­er­tor­gan­ist und pro­movierte Musik­wis­senschaftler Wal­ter Gleißn­er – Schü­ler u. a. von Hel­mut Walcha in Frank­furt am Main – hat kür­zlich bei der Köl­ner Edi­tion Dohr eine Rei­he eigen­er Orgel­w­erke veröf­fentlicht. Einige davon set­zen sich mit lateinis­chen Sequen­zen der römis­chen Liturgie auseinan­der. Die Sequenz ent­stand ursprünglich aus dem Ver­fahren, die Schlussmelis­men des gre­go­ri­an­is­chen Alleluia nach Art des soge­nan­nten Tro­pus mit einem neuen Text zu unter­legen. Den sich später daraus entwick­el­nden Reim- bzw. Stro­phense­quen­zen lagen teils Texte the­ol­o­gisch bedeu­ten­der Autoren zugrunde. Das Konzil von Tri­ent beschränk­te im 16. Jahrhun­dert die Zahl der bis dahin auf mehrere tausend angewach­se­nen Sequen­zen radikal auf lediglich vier, zu denen später eine fün­fte („Sta­bat mater“) hinzukam, die wie das „Dies irae“ bedeu­tende Komponis­ten von Mozart bis Ver­di zu entsprechen­den Ver­to­nun­gen anregten. Die römis­che Liturgie schreibt in der gegen­wär­ti­gen Prax­is nur noch zwei der Sequen­zen oblig­a­torisch vor, näm­lich die zu Ostern („Vic­ti­mae paschali laudes“) und zu Pfin­g­sten („Veni Sancte Spir­i­tus“).
Gleißn­ers Orgelse­quenz „Veni Sancte Spir­i­tus“ führt den aus­drucksstarken, Stephen Lang­ton zu­geschriebenen Text der Sequenz melodisch kom­plett durch das gesamte Stück. Der gre­go­ri­an­is­che C. f. wird dabei zum Dreivierteltakt rhyth­misiert. Die modal (dorisch) ange­hauchte Har­monik wird gle­ich zu Anfang mit osti­na­to­haft wirk­enden chro­ma­tis­chen Achtelket­ten kon­tra­punk­tiert. Gleißn­er bringt Abwech­slung in die auf fünf Dop­pel­stro­phen angelegte Dich­tung durch Wech­sel der Melodie in ver­schiede­nen Stim­men sowie ruhigere und auch bewegtere, bei den tri­olis­chen Teilen fast barock anmu­tende Stim­mge­flechte. Ins­ge­samt ist das Werk ziem­lich ver­trackt zu spie­len und bedarf einiger Übung.
Etwas leichter präsen­tieren sich dage­gen die Wall­fahrt­sim­pres­sio­nen, geprägt von Gleißn­ers Kindheits­erinnerungen an zwei böh­mis­che Wall­fahrt­sorte, weswe­gen zwei der dort beliebtesten Pil­ger­lieder, Glor’-würdge Köni­gin und Milde Köni­gin gedenke, motivisch durch die Kom­po­si­tion wan­dern.
Hym­nus und Sequenz wiederum bringt nach einem fugierten Anfang über die let­zten bei­den Stro­phen des Pange lin­gua von Thomas von Aquin ein von einem toc­caten­haft anmu­ten­den Teil einger­ahmte Bear­beitung der Fron­le­ich­namsse­quenz „Lau­da Sion“ des­sel­ben Textdichters, die sich dazwis­chen in ähn­lich­er Weise wie die Pfin­gst­se­quenz präsen­tiert. Die Ton­sprache ist auch hier kirchen­ton­al geprägt, gepaart mit ein­er fig­u­ra­tiv barock anmu­ten­den poly­pho­nen Schreib­weise. Auch dieses Stück birgt etliche spiel­tech­nis­che Her­aus­forderun­gen.
Wal­ter Gleißn­ers Werke sind gewiss keine „neue“ Orgel­musik im eigentlichen ambi­tion­ierten Sinne, son­dern ein­er tra­di­tionellen, kom­pos­i­torisch anspruchsvollen Fak­tur verpflichtete Musik. Bei der Ein­studierung, für die man sich genü­gend Zeit nehmen sollte, ist das angenehm les­bare Druck­bild der Aus­gabe ein willkommen­er Anreiz.

Chris­t­ian von Blohn