Bach, Johann Sebastian

Goldberg-Variationen: ARIA mit verschiedenen Veränderungen BWV 988

Verlag/Label: Cybele SACD 030.802 (2009)
erschienen in: organ 2010/02 , Seite 54

Bew­er­tung: 5 Pfeifen

Den vierten Teil sein­er Clavier-Übung, beste­hend aus ein­er „Aria mit ver­schiede­nen Ver­aen­derun­gen“ hat Bach im dem von ihm selb­st ver­an­lassten Erst­druck von 1741 aus­drück­lich „vors Clavicim­bal mit 2 Man­ualen“ bes­timmt. Warum sollte man dieses Werk, das später nach seinem ersten Inter­pre­ten, Johann Got­tlieb Gold­berg (einem hochbe­gabten Schüler Wil­helm Friede­mann und Johann Sebas­t­ian Bachs), die geläu­fige Beze­ich­nung „Gold­berg-Vari­a­tio­nen“ erhielt, nach wohlfeil­er barock­er Manier nicht eben­so auf der Orgel spie­len? Diesem Pro­jekt hat sich Mar­tin Schmed­ing mit sein­er Ein­spielung ver­schrieben.
Schmed­ing, der seit 2004 als Pro­fes­sor für Orgel an der Freiburg­er Musikhochschule wirkt, ver­weist da­rauf, dass die poly­phone, zudem mehr­manualige und vielchörige Orgel sich­er eine adäquatere Darstel­lung der kon­tra­punk­tis­chen Par­ti­tur ges­tat­tet als etwa der mod­erne Konz­ert­flügel: beson­ders gilt dies für die Duo-Vari­a­tio­nen, in denen vielfach Stimmkreuzun­gen auftreten, was selb­st Klavier­größen wie Glenn Gould in den ein­schlägi­gen Klaviere­in­spielun­gen nicht befriedi­gend gelöst haben.
Authen­tiz­ität wird über­haupt in Schmed­ings Inter­pre­ta­tion groß­ge­schrieben: Ganz anders als beispiels­weise der pianis­tis­che Jungstar Mar­tin Stadt­feld mod­i­fiziert er den Noten­text nur sehr sparsam, wenn an weni­gen Stellen Oktavtrans­po­si­tio­nen notwendig wer­den. Freilich erscheint Bachs Werk durch seine Ver­set­zung in das heute zumin­d­est unge­wohn­tere Medi­um der Orgel auch in frem­dem Licht. Wo auf dem Cem­ba­lo die Lin­ien­führung im Vorder­grund ste­ht, da fügt die Orgel kon­trastierende und chang­ierende Klang­far­ben hinzu und ver­bre­it­ert sie ins somit Flächige: Die cemba­leske Zeich­nung wird so zum organ­is­tis­chen Tongemälde, ohne dass dabei jedoch die Struk­turen ver­loren gin­gen. Schmed­ings Reg­istrierun­gen reagieren aus­drück­lich auf Bachs ratio­nal durch­dacht­en Auf­bau der Vari­a­tio­nen­folge (einzelne Struktur­analysen Gerd Zach­ers, die weit­ge­hend nachvol­lziehbar sind und sich nicht zu sehr ins Zahlen­sym­bol­isch-Speku­la­tive ver­lieren, sind zum Ver­ständ­nis des Hör­ers im CD-Book­let abge­druckt).
Mit der 1755 eingewei­ht­en, noch von Got­tfried Sil­ber­mann geplanten und begonnenen Orgel in der Dres­d­ner Hofkirche ste­ht Schmed­ing dabei ein his­torisch adäquates Instru­ment mit ein­er opu­len­ten spät­barock­en Klangvielfalt zu Gebote, das in seinem – vor­bildlich restau­ri­erten – Pfeifenbe­stand dank recht­zeitiger Aus­lagerung im Jahre 1944 weitest­ge­hend orig­i­nal erhal­ten ist (Gehäuse und Bal­gan­lage gin­gen allerd­ings im Bombe­nan­griff vom Feb­ru­ar 1945 unter).
Gle­ich­sam das Rück­grat der Inter­pre­ta­tion bilden die vir­tu­osen zweis­tim­mi­gen Vari­a­tio­nen (von Nr. 5 aus die jew­eils drit­tnäch­sten Num­mern des Zyk­lus), welche eine allmäh­liche Steigerung in den wach­senden Plenumk­lang hinein erfahren. Lock­er­er geht Schmed­ing bei den Kanons vor, die von Nr. 3 an eben­falls in Dreier­schrit­ten die Vari­a­tio­nen­folge gliedern, sorgt hier aber auch für gewisse Kor­re­spon­den­zen, indem er häu­fig eine Art „Stre­ich­er­satz“ her­stellt. Klare Zäsuren bilden fern­er die Nr. 16 als grav­itätis­che „Franzö­sis­che Ouvertüre“ im Grand-Chœr-Klang mit verkop­pel­ten Plenumzun­gen – dem Präludi­um in Es (BWV 552) hier über­raschend ver­wandt klin­gend – und die beson­ders affek­tvoll rea­lisierten g-Moll-Vari­a­tio­nen. Das klin­­­gend-klan­gliche Ergeb­nis fällt sehr überzeu­gend aus; mustergültig ist die Doku­men­ta­tion der Orgeld­is­po­si­tion sowie aller Reg­istrierun­gen im CD-Book­let.

Ger­hard Dietel