Werke von Mendelssohn, Otto Türke, Johann Julius Schneider, Julius Reubke, Sigfrid Karg-Elert und Max Reger
German Organ Music
Ben van Oosten an der Seifert-Orgel der Basilika St. Marien in Kevelaer
Der 1955 in Den Haag geborene Ben van Oosten, seit 1990 Titularorganist an der dortigen Grote Kerk, zählt zu den berühmtesten und einflussreichsten Organisten unserer Zeit. Seine Diskografie ist „gigantisch“, im Bereich der romantisch-sinfonischen Orgelmusik Frankreichs nahezu enzyklopädisch. In der englischen Orgelwelt ist er kaum weniger zuhause, wenngleich mit weniger Einspielungen. Bislang gab es von ihm keine Aufnahme mit deutscher Romantik. Im Interview für organ (4/2019) bekundete er: „Ich habe Pläne, einen Karg-Elert oder Reger einzuspielen, und MDG fragt mich diesbezüglich auch immer wieder. Wenn ich eine solche Aufnahme mache, möchte ich dem Repertoire aber auch etwas Neues hinzufügen.“
Van Oosten hat Wort gehalten – aber leider nur zum Teil. Zwar hat er mit den beiden Choral-Präludien „Nun ruhen alle Wälder“ von Otto Türke (1832–97) und „Liebster Jesu, wir sind hier“ von Johann Julius Schneider (1805–85) dem Repertoire tatsächlich Neues hinzugefügt. Aber in dieser Hinsicht hätte ich von einem Organisten seines Formats doch etwas mehr und vor
allem Substanzvolleres erwartet als diese zugegebenermaßen reizvollen, aber nicht sonderlich spektakulären „Miniaturen“. Ein Blick auf YouTube zeigt, dass es viele Videos mit Otto Türkes und ein paar wenige mit Johann Julius Schneiders Stück gibt. Ich hätte gerne mehr über diese beiden fast vergessenen Romantiker erfahren. Auch der Booklettext van Oostens bringt hierzu nur wenig.
Der Repertoirewert der übrigen Stücke tendiert leider gegen Null. Denn die drei „Schwergewichte“ des Albums, Felix Mendelssohn Bartholdys Orgelsonate Nr. 1 in f-Moll op. 65/1, Julius Reubkes Orgelsonate Der 94. Psalm in c-Moll und Max Regers Choralfantasie „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ op. 52/2 gehören zu den „Vorzeigestücken“ der deutsch-romantischen Orgelmusik mit gefühlt mehr als fünfzig Einspielungen.
Und wie steht es um die Faktoren Interpretation (inklusive Registrierung), Klangqualität und Instrumentenwahl? Hier kann man nur sagen: Diese sind in allen Punkten geradezu spektakulär! Was die – zum Teil sehr pianistisch konzipierten – Sonaten von Mendelssohn und Reubke betrifft, liefert van Oosten absolute Referenzaufnahmen. Die Fantasie von Reger lässt sich ebenfalls kaum intensiver ausdeuten und besser registrieren. Die beiden kurzen Choral-Improvisationen aus dem op. 65 von Sigfrid Karg-Elert „O Durchbrecher aller Bande“ und „Schmücke dich, o liebe Seele“ wirken dagegen – auf hohem Niveau! – ein bisschen blass. Die grandiose Seifert-Orgel der Basilika St. Marien in Kevelaer ist das denkbar beste Instrument für das kanonische Repertoire, das Ben van Oosten uns hier kredenzt.
Burkhard Schäfer


