Markus Meier

Geächtet, geliebt und geduldet

Die Orgel im nachrefor­matorischen Toggenburg

Verlag/Label: Chronos, Zürich 2025, 400 Seiten, 48 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/01 , Seite 55

Die in einigen Talschaften der deutschsprachigen Schweiz im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten Hausorgeln wurden und werden mangels Detailkenntnis gelegentlich als bloße Liebhaberei unterschätzt. Dass ihre Entstehung, Verbreitung, Verwendung und Umsetzung handfeste glaubensgeschichtliche und kirchenpolitische Ursachen haben, weist Markus Maier in seiner detaillierten Studie über Orgeln für die meist kleinen Ortschaften des ostschweizerischen Toggenburg (Kanton St. Gallen) nach. Im Vergleich zu anderen reformierten Gebieten der Schweiz wurden Orgeln hier deutlich früher – bereits nach 1700 – (wieder) im Gottesdienst verwendet, wenngleich diese Entwicklung örtlich unterschiedlich und zögerlich verlief. Letzteres hängt mit der oft paritätischen Nutzung der Kirchen in kleinen Dörfern zusammen: Folglich wurde über die Zuständigkeit, sprich: die Bezahlung, gestritten; historisch bedingt hatte vielerorts die Fürstabtei St. Gallen noch das Sagen. Vor allem den aus Württemberg importierte Pietismus mit seinen Hausandachten sieht Meier als Triebfeder für die allmählich erstarkende Orgelkultur, ebenso das bürgerliche Kulturleben, zu dem etwa im nahen Winterthur oder Zürich ein traditionsreiches Collegium musicum zählte.
Nach einleitenden Kapiteln zur Religionsgeschichte im Toggenburg betrachtet Meier mit ausführlichen Zitaten zunächst die Musik- und Orgelgeschichte der einzelnen Ortschaften. Sodann widmet er sich sys­tematisch den hier wirkenden Orgelbauern. Spätestens hier wird klar, dass das Gebiet südlich des Bodensees nahe der Grenze zu Liechtenstein bestens mit den Kulturzentren des weiteren Alpenraums vernetzt war: Es fallen auch überregional bekannte Namen, etwa die der Orgelbauer-Familien Bossart, Scherrer oder Walpen. Selbst wenn für das Toggenburg durchweg Instrumente bescheidenen Umfangs entstanden, so überrascht die Ausstrahlung in andere Landschaften: Ein wohl 1813 von Johann Melchior Grob erbautes dreiregistriges Werk steht im Bachhaus Eisenach. Selbst die 6 ½ kg Metall sollten 1917 für die Rüstung eingezogen werden, was Direktor Georg Bornemann jedoch erfolgreich verhinderte. – Ausführlich behandelt Meier die Typologie von Hausorgeln der einheimischen Orgelbauer Wendelin und Joseph Looser. Der ausgiebige Anhang enthält weitere Dokumente hierzu sowie zum geistesgeschichtlichen Umfeld.
Die umfangreiche Bibliografie zu gliedern, ist gut gemeint. Ihre Unterteilung in die schwer abgrenzbaren Gebiete „Orgelgeschichte“, „Kirchen-, Kunst- und Konfessionsgeschichte“, „Pietismus“ und „Kulturgeschichte“ erschweren es jedoch, einzelne Einträge aufzufinden. Ein Orts- und Personenregis­ter auf den verbliebenen Leerseiten wäre hilfreich gewesen und hätte es erleichtert, auf Daten zu einzelnen Orgelbauern oder zu Referenz-Instrumenten gezielt zuzugreifen. Neben der feingliedrigen Erschließung des Orgel- und Quellenbestandes im Toggenburg liegt eine wesentliche Stärke von Markus Meiers Arbeit in der Darstellung der vielfachen Bezüge zu den Nachbarregionen.

Markus Zimmermann

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