Oskar Merikanto (1868–1924)
Fünf Orgeltranskriptionen
hg. von Lambert Kleesattel
Der in seiner finnischen Heimat geschätzte Komponist, Dirigent, Pianist und Organist Oskar Merikanto ist hierzulande so gut wie unbekannt. Seine Kompositionen sind nicht nur durch seine Studienzeit in Leipzig bei Carl Reinecke geprägt, sondern zeichnen sich stilistisch auch durch eine skandinavische Regionalromantik aus. Lambert Kleesattel hat fünf Kompositionen Merikantos für die Orgel bearbeitet.
Das Sommerabendidyll op. 16, 2 und das Lied An die Zugvögel im Süden op. 11, 1, die jeweils nur zwei gedruckte Seiten ausfüllen, stellen stimmungsvolle Miniaturen dar. Beide Stücke sind sehr leicht zu spielen und entfalten mit einer geeigneten Registrierung ihren Reiz. Dies trifft auch auf das Scherzo op. 6, 4 zu, das schlicht, aber gekonnt komponiert ist.
Laut Vorwort „entfaltet“ die Improvisation op. 76, 3 „in der Orgelbearbeitung – für die sie prädestiniert scheint – eine ungemein meditative Wirkung“, wie Lambert Kleesattel zu Recht feststellt. Zu Beginn seiner Improvisation stellt Merikanto eine rezitativ-ähnliche Monodie vor, die im Laufe des Stücks in verschiedenen Varianten, unterlegt mit einer kurzen ostinaten modalen Harmoniefolge, durchgeführt wird; aus dieser Konstellation ergibt sich eine ausdrucksstarke meditative Wirkung. Dieser Komplex wird zweimal mit einer choralähnlichen Episode kontrastiert. Dergleichen lohnt sich durchaus zu spielen.
Die Romanze op. 12 gehört zusammen mit der Improvisation zu den Höhepunkten des hier vorgelegten Repertoires. Dieses Klavierstück ist dreiteilig angelegt: Die beiden Rahmenteile haben eine lied-ähnliche Faktur. Der Mittelteil mit einer anschließenden Kadenz ist im Gegensatz dazu deutlich bewegter. Für die im Mittelteil solistisch geführte Unterstimmenpartie mit einigen Akkordschlägen empfiehlt Lambert Kleesattel schlüssig eine Trompete 8’ als eine „weiche, Holzbläser- bzw. Horn-ähnliche Registrierung“ (Vorwort). Die Kadenz selbst wird mit Gedackt 8’ indiziert. Die mit Trompete 8’ zu spielende Passage klingt wegen der Akkordschläge etwas unorganisch. Kleesattels Bearbeitung präsentiert so hier ohne Zweifel die Komposition Romanze, aber nicht unbedingt das Komponierte. Wünschenswert wäre hier eine der Orgel (gegenüber dem Klavier) geeignetere Umsetzung des originalen Notentextes.
Damit kommen wir zu einer kritischen Betrachtung der hier beobachteten Bearbeitungstechnik: Die Verlegung der fünf Stücke Merikantos auf die Orgel ist zwar gekonnt, aber in Bezug auf deren Klangprofil manchmal etwas sparsam. Kleesattel setzt hier praxisbezogen eine zweimanualige Orgel voraus und geht sehr ökonomisch mit klanglichen Veränderungen um. Mit einer gegenüber dem Original freizügigeren Satztechnik wäre demgegenüber mehr Wirkung zu erzielen gewesen. – Inhaltlich bietet der Band eine Begegnung mit einem interessanten, bisher unentdeckten Musikgenre und weckt zugleich die Neugier auf Oskar Merikantos Orgelwerke.
Wolfram Syré


