Frozen Time

John Cage: organ2 / ASLSP; Toshio Hosokawa: Cloudscape / Sen IV; Dominik Susteck: Carillons I–III

Verlag/Label: Wergo, WER 73682 (2017)
erschienen in: organ 2018/01 , Seite 59

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Den Anfang macht ein mikro­ton­al gespreizter Akko­rd, der plöt­zlich durch einen vollen Ped­al­ton geerdet und zum leuch­t­en­den Spek­tralk­lang umge­färbt wird. Auch im weit­eren Ver­lauf der dreivier­tel­stündi­gen Ver­sion von John Cages organ2/ASLSP ent­gleit­en den Orgeltö­nen ihre son­st strikt fix­ierten Höhen, so dass sie sich wech­sel­seit­ig zu kom­plex­en Aggre­gat­en und hoch­en­er­getis­chen Schwe­bun­gen über­lagern.
Dominik Susteck nutzt reich­lich die erweit­erten Spiel- und Klang­möglichkeit­en der von Peter Bares begrün­de­ten Spezialorgel für neue Musik an der Kun­st-Sta­tion Sankt Peter Köln. Mit­tels vari­iert­er Dynamik, Reg­istrierung und Lage gestal­tet er eben­so erfind­ungsre­ich wie hell­hörig ver­schieden schnelle Ampli­tu­den­mod­u­la­tio­nen zwis­chen mehreren Tönen. Das Ziel sind Schat­tierun­gen von einzel­nen Inter­feren­zen über dumpfes Brum­men, gleißende Clus­ter und vol­lk­lin­gen­des Orgel­w­erk bis zu zart durch den Raum schweben­dem Lufthauch. Hörend gut nachvol­lziehbar ist, wie sich an- und abschwellende Schmelzk­länge langsam aufrauen und sukzes­sive in geräuschhaftes Rat­tern überge­hen, um endlich neue Dif­feren­ztöne her­vorzubrin­gen. Beson­ders faszinierend daran sind die Umschläge von Ton­höhen-Hören in Klang­far­ben-Hören. Cages Stück von 1987 vol­lzieht so eine über­raschende Anamor­phose an das or­ches­trale Klang­far­benkom­ponieren der 1960er Jahre, allen voran Györ­gy Ligetis Atmo­sphères.
Möglich ist diese erstaunliche Ver­wand­lung nur durch die Offen­heit von Cages Par­ti­tur. Der Inter­pret hat alle Frei­heit­en bei der Gestal­tung von Dynamik, Reg­is­tern und Tem­po, wodurch sich Susteck auch zur Manip­u­la­tion des Wind­drucks legit­imiert sieht. Der seit 2007 amtierende Nach­fol­ger von Peter Bares als Organ­ist an Sankt Peter Köln erweist sich ein­mal mehr als kon­ge­nialer Inter­pret ver­schieden­ster Werke auf dem beson­deren Köl­ner Instru­ment.
In seinen drei eige­nen Impro­vi­sa­tio­nen Car­il­lon I–III steuert Dominik Sus­teck über das MIDI-Inter­face vom Spieltisch aus zugle­ich verschie­dene mech­a­nis­che Klangerzeuger des Ker­pen­er Instru­menten­bauers Ger­hard Kern. Die ungewöhn­lichen Spiel­register der Orgel – darunter Xylophon, Glock­en, Cym­beln, Bronzeplat­ten, Beck­en und eben­so orgel­untypisch Harfe, Sirene, Trillerpfeife, Hahn­schrei und Jauler – verbinden sich mit den über­wiegend perkus­siven Zusatzin­stru­menten zu ein­er Gesam­tap­pa­ratur, deren Klänge tie­fengestaffelt in den Kirchen­raum aus­greifen.
Mit zwei neu einge­spiel­ten Werken auf der CD vertreten ist fern­er Toshio Hosokawa. Dessen Cloud­scape von 2000 begin­nt mit langsam umgeschichteten Liegetö­nen wie von der japanis­chen Mundorgel Sho, die nach bewegterem Mit­tel­teil wiederkehren. Sen IV von 1990 lebt dage­gen vom Kon­trast geräuschvoller Klang­bal­lun­gen gegen feine Hal­tetöne und sin­guläre Akzente. Im „Dazwis­chen“ dieser Extreme entste­ht dann eben jenes atem- und span­nungsvolle „Ma“, das so zen­tral ist für die japanis­che Philoso­phie, Kun­st und Musik.

Rain­er Non­nen­mann