Timothy Miller

Fragments of Luther for organ

+ A book of Voluntaries for organ | Partita da Chiesa for Flute & Organ | Organ Sonata nr. 14

Verlag/Label: Cantando Musikkforlag
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2020/04 , Seite 62

Schon mal etwas von Tim­o­thy Miller gehört? Zugegeben, für den Rezensen­ten ist es die erste Begeg­nung mit dem 1957 gebore­nen Englän­der. Und das trotz ein­schlägiger Ken­nt­nis der britis­chen Orgel- und Kirchen­musik­szene. Es mag vielle­icht daran liegen, dass Miller – nicht zu ver­wech­seln mit seinem amerikanis­chen Kom­pon­is­tenkol­le­gen Tim­o­thy Lee Miller – seinen Wirkungs­bere­ich ab 1990 nach Nor­we­gen ver­legt hat, damit etwas aus dem Fokus ger­at­en ist. In sein­er neuen Wahlheimat unter­richtete er 18 Jahre an der Uni­ver­sität von Sta­vanger u. a. Har­monielehre und Analyse, war eben­dort auch von 2012 bis 2014 als Organ­ist der Kathe­drale tätig.
Wer zunächst nach der Biografie von Tim­o­thy Miller im Inter­net sucht, gelangt erstaunlicher­weise auf die Home­page des amerikanis­chen Kom­pon­is­ten Car­son Cooman [sic!], der Auf­tragge­ber und Wid­mungsträger der vor­liegen­den Orgel­sonate Nr. 14 aus dem Jahr 2018 ist. Miller beruft sich im ersten und drit­ten Satz auf Mozart, genauer, auf dessen the­ma­tis­ches Entwick­lung­sprinzip. Ein abstrak­ter, the­o­retis­ch­er Ansatz, der auch die Musik auf ganz­er Länge bes­timmt. Hier war ein Ana­lytik­er am Werk, ein­er der die Musik von der Struk­tur her denkt. Diese ist denn auch weit­ge­hend von Trans­parenz und Klarheit bes­timmt, oft zwei- oder dreis­tim­mig, wie etwa der neo­barock daherk­om­mende Ada­gio-Satz, mal gehal­tene Akko­rde mit Sech­szehn­tel umspielt. Die Klan­glichkeit des Werks ist denn auch eher als das (zufäl­lige) Ergeb­nis lin­ear­er Entwick­lung­sprozesse zu deuten. Wer Musizieren respek­tive Orgel­spiel als primär tech­nis­che Her­aus­forderung eines sin­nes­feindlichen Akts betra­chtet, der wird sicher­lich seine Freude mit dem Werk haben.
Gle­ich­es gilt auch für Frag­ments of Luther, eben­falls im Jahr 2018 ent­standen. Unter­gliedert in drei Abschnitte, soll Luther als wiss­be­gieriger The­ologe, als reflek­tieren­der Mönch sowie ener­gis­ch­er Refor­ma­tor skizziert wer­den. Die im Vor­wort zitierten vier Luther-Choräle sind indes der­art frag­men­tiert, dass man eher den Ein­druck hat, es mit ein­er „zer­schosse­nen“ Fest­plat­te zu tun zu haben. Und für die, die in der Musik das „Zahlen­spiel“ lieben, dürfe der dritte Abschnitt mit seinen manierierten Tak­twech­seln von 5/8 über 13/16, 15/16, 7/16, 11/16 bis hin zu 15/32 ein berauschen­des Erleb­nis wer­den: eben „takt“-ische Bac­cha­nalien.
Weitaus hör­erfre­undlich­er sind da die neun Vol­un­taries, die auch von tech­nisch weniger Ver­sierten zu real­isieren sind. Da in erster Lin­ie für den gottes­di­en­stlichen Gebrauch gedacht, wählt Miller eine mod­er­atere Ton­sprache, deren Archaik aber den­noch die ratio­nale, protes­tantisch-trock­ene Herkun­ft nicht leugnet. Wie schon bei der Sonate und den Luther-Frag­menten set­zt Miller höch­stens beschei­dene zweiman­u­alige Instru­mente voraus, was dieses Stückchen wiederum viel­seit­ig ein­set­zbar macht.
Das Frag­men­tarische scheint Miller zu liegen. Seine 2017 ent­standene Par­ti­ta da Chiesa für Flöte und Orgel baut eben auch auf dieses Mit­tel. Zum 500. Jahrestag des Anschlags von Luthers The­sen bildet dessen „Ein feste Burg ist unser Gott“ die Keimzelle des Stücks, taucht aber zu kein­er Zeit in erkennbar län­geren Abschnit­ten auf. Tech­nisch ist es gut zu real­isieren. Ein stets klar­er, aus­gedün­nter Orgel­satz ste­ht der klan­glichen Ent­fal­tung der Flöten­stimme nie im Wege.

[…] Abschließend noch ein Wort zu den hier besproch­enen Note­naus­gaben bzw. zum Ver­lag Can­tan­do. Was in früheren Zeit­en der geübte Notenset­zer mit Blick auch auf ein ästhetis­ches Erschei­n­ungs­bild war, wird heute durch entsprechende Noten­schreibpro­gramme – zumeist von den Autoren selb­st – gener­iert. Da hat man dann immer wieder hal­bleere Seit­en vor sich, und jede Aus­gabe zeich­net sich durch wech­sel­nde, weil unter­schiedliche Schrift- bzw. Noten­größen aus. Alles wirkt sehr wie ein Do-it-your­self. Sollte man da nicht inner­halb eines Ver­lagshaus­es auf eine gewisse Ein­heitlichkeit in der Erschei­n­ung acht­en? Ander­er­seits: Die schöns­ten Noten­bände nutzen nie­man­dem, wenn sie fein säu­ber­lich aufgerei­ht im Regal ste­hen und ein Leben als tote Materie führen.

Wolf­gang Valerius