Alain Brun-Cosme

Eine romantische Ouvertüre über„Befiehl du deine Wege“

für Orgel

Verlag/Label: Strube Edition VS 3718
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/04 , Seite 56

Wie schön wäre es gewesen, wenn der viel zu früh verstorbene Jehan Alain ein umfangreicheres Œuvre für die Orgel hinterlassen hätte. Wie sehr wünscht sich der Schreiber dieser Zeilen eine originale Orgelkomposition von Lisa Streich oder Leon Gurvitch. – Anton Bruckner, der als Orgelimprovisator einen beachtlichen Ruf genoss, hat nur fünf ausnotierte und ihm sicher zuzuordnende Orgelstücke hinterlassen, die in barocker Tradition stehen. – Sicher: Wie schön wäre es, mehr von diesem über die Grenzen Österreichs hinaus verehrten Improvisator Bruckner auf der Orgel hören zu können!
Vermeintlich fehlt der Nachwelt also eine Facette von Anton Bruckner, den wir heute hauptsächlich als Komponisten von Sinfonien und großer Kirchenmusik kennen. – „Um diese ‚Lücke‘ künstlerisch und spielerisch zu schließen, unternahm zum 200. Geburtstag Bruckners [Anm.: 2024] der Komponist und Improvisator Alain Brun-Cosme das Projekt einer symphonischen Komposition für Orgel, im Geiste des österreichischen Romantikers“, liest man im Vorwort der vorliegenden Ausgabe.
Brun-Cosme gelingt mit seiner „romantischen Ouvertüre“ eine großartige Stilkopie der Kompositionsweise Bruckners. Offenbar hat er sich ausgiebig dem Studium Brucknerscher Orchesterpartituren gewidmet und erfolgreich versucht, dessen Personalstil – durchaus auch mit improvisatorischem Duktus – auf die Orgel zu übertragen. Brun-Cosme hat seine Komposition „zunächst als Orchestersymphonie“ mit den klassischen drei Instrumentengruppen, Streicher, Blechbläser und Holzbläser, gehört. Darauf deuten auch „die in der Partitur erwähnten Instrumente (Violoncelli, Oboe, Klarinette, Streicher, Hörner usw.)“ hin. „Die Interpreten werden auf ihrem jeweiligen [Anm.: nicht zu kleinen] Instrument nach einem entsprechenden Klang zu suchen wissen.“
Der „Leitfaden, die geistige Bestimmung, deren Herz“, so Brun-Cosme, der Komposition sei „der feierlich-ernste Choral „Befiehl du deine Wege“, der sich wie von selbst der Komposition“ hinzugesellte. – Trotz der geistlichen Melodie als Thema wird die Ouvertüre ihren Platz nicht im Gottesdienst finden; dazu ist sie in Länge und Dramaturgik zu ausladend. Sie ist ein technisch mittelschweres und klanglich ansprechendes Werk, das es lohnt, eingeübt zu werden, das aber möglicherweise auch im Konzertleben schwer einen Platz finden dürfte. Dazu ist dort die Konkurrenz, gerade auch aus dem Repertoire der französischen Romantik, zu groß.
Machen Stilkopien dieses Ausmaßes überhaupt Sinn? Haben sie einen realen Platz im Musik- und Konzertleben? Brun-Cosme zeigt unübersehbar in dieser Ouvertüre, dass er sein Instrument und das Handwerk des Komponierens beherrscht. Aber: Eine originale Orgelkomposition in seinem eigenen Stil – das wär’s!

Ralf-Thomas Lindner

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