Ein feste Burg ist unser Gott

Romantische Choralbear­beitungen für Orgel solo, Band I: 21 Choralvorspiele

Verlag/Label: Dr. Butz Verlag 2784
erschienen in: organ 2017/02 , Seite 62

Band I der Roman­tis­chen Choral­bear­beitun­gen über „Ein feste Burg ist unser Gott“ scheint ein Tre­ff­punkt viel­er Kom­pon­is­ten zu sein, deren Geburt­s­jahr fast auss­chließlich im 19. Jahrhun­dert liegt – Komponis­ten, von denen ein Großteil vom Her­aus­ge­ber Andreas Rock­stroh aus der staubi­gen Gruft manch­er Bib­lio­theken wieder­erweckt wurde. Tat­säch­lich find­et man gut die Hälfte der Ton­set­zer nur bei pfadfind­erischem Suchen nach ver­staubten Exem­plaren hin­ter manch ehrwürdig patiniertem Orgel­ge­häuse. Zu den eher bekan­nten Kom­pon­is­ten der Auswahl zählen etwa Albert Beck­er, Otto Dienel, Michael Got­thart Fis­ch­er, Gus­tav Flügel, Karl Hoy­er, Carl Piut­ti oder Johann Chris­t­ian Hein­rich Rinck, deren Choralvor­spiele es auch in neuere Bände geschafft haben. Selb­st Max Reger (mit einem Beispiel aus op. 79b) find­et sich darunter. Wer aber ken­nt etwa schon Johannes Weyh­mann, Robert Fren­zel oder Emil Der­cks – stel­lvertre­tend genan­nt für weit­ere Musik­er?
Die Samm­lung in Band I wird sich­er ihre Abnehmer find­en. Aber die darin befind­lichen Vor­spiele, da­von manche sehr kurz (Weyh­manns Beitrag schafft es auf ger­ade ein­mal neun Tak­te), sind durch­weg (mit weni­gen Aus­nah­men) von gle­ich­er Art, als hät­ten sich ihre Schöpfer kartel­lar­tig abge­sprochen. Weit­ge­hend herrscht das beliebte Fuga­to (Pachel­bel-Stil) vor, weit­ge­hend ist die plane Fas­sung des Chorals beliebt, wohinge­gen der kämpferisch-refor­ma­torische, der mitreißende Auf­takt des orig­i­nalen Chorals nur wenige inspiri­erte. War die Zeit wirk­lich so gemütlich oder gar so ver­schlafen …? Die meis­ten Abschlüsse beglück­en mit 6|4–5|3–4|2-Durchgängen, um lamm­fromm auf der Toni­ka zu lan­den. Dazu treten zuhauf schale Sequen­zen und aneinan­derg­erei­hte Quint­fallse­quen­zen und viel organo pleno, als sym­bol­isierte Laut­stärke lutherische Tatkraft. Natür­lich wird man diese Vor­spiele nicht unbe­d­ingt ganz oder auszugsweise hin­tere­inan­der auftis­chen, doch die Übere­in­stim­mungen sind augen- bzw. ohren­fäl­lig.
Unter den etwas munter­eren Exem­plaren fall­en auf: Michael Got­thart Fis­ch­er – hier bringt die Punk­tierungsrhyth­mik etwas Schwung; Gus­tav Flügel – und hier die Tri­olenein­schübe; Johann Georg Her­zog – er benutzt für das nahezu unver­mei­dliche Fuga­to die rhyth­mis­che Fas­sung; doch ist hier die Verteilung auf drei Seit­en blät­tertech­nisch untauglich, das Stück hätte auf zwei Seit­en Platz gefun­den, wie über­haupt das Lay­out mit seinen vie­len Leer­stellen in bei­den Bän­den über­denkenswert ist …; Alfred Grund­mann – fünf Seit­en lang, hals­brecherische Ped­al­ton­leit­ern; Reger – wurde sehr großzügig auf vier Seit­en mit je drei Akko­laden gestreckt, die let­zte Seite bleibt (wie häu­fig in diesem Band) teil­weise weiß; Emil Wei­den­hagen – endlich ein wenig har­monis­ch­er Ein­fall­sre­ich­tum; Camil­lo Schu­mann – viele Sechzehn­tel­pas­sagen sug­gerieren Tem­pera­ment, doch die finalen Tak­te (grandioso) erlah­men eher; Albert Beck­er – sein­er Länge (neun Seit­en mit je vier Akko­laden) wegen gehört das Stück eher in Band II. Einige Vor­spiele sind man­u­aliter; viele hantieren mit hefti­gen Oktavpar­al­le­len, den dama­li­gen Orgeln geschuldet; die meis­ten ste­hen in C-Dur, dem E(K)G angeglichen. Warum manche in D ste­hen, bleibt ver­bor­gen. Kurzbi­ografien erhellen die Viten manch­er nahezu unbekan­nter Kom­pon­is­ten.
 
Band II bietet sozusagen die Fort­set­zung von Albert Beck­ers „stretched com­po­si­tion“ aus Band I. Die Kom­pon­is­ten hier hat manche Organ­istin (natür­lich auch manch­er Organ­ist) schon eher unter den Fin­gern gehabt: Max Gul­bins – „großer“ Entwurf, heftige Terz- und Sext­akkordparallelen, tech­nisch höchst anspruchsvoll, dann bricht wieder eine Fuge aus, bzw. was man so Fuge nen­nt; Wil­helm­Rud­nick – Maestoso-Beginn mit entsprechen­der Voll­stim­migkeit, dann sich tür­mende „Reger“-Akkordik; ein Andante im Dreier­takt („wech­sel­nde Reg­istrierung und evtl. Gebrauch des Schwellers sehr emp­fohlen“) bringt Entspan­nung, eher Erschlaf­fung; das Finale dräut mit vollen Grif­f­en und vol­len­det eine Qua­si-Sym­phonie; Hein­rich Wettstein – hier wird es wirk­lich lustig; die feste Burg wird mit dem Händel’­schen Hal­lelu­ja kurzgeschlossen, alte Bekan­nte tre­f­fen sich; der Gedanke ist reizvoll, die Aus­führung mit ihrem phleg­ma­tis­chen Nebeneinan­der der The­men rei­z­los; Bern­hard Zorn – har­monis­che Über­raschung, es begin­nt in f-Moll mit Bach abge­lauscht­en Motiv­en, Zorn tobt sich seit­en­lang darin aus und gerät plöt­zlich nach C-Dur, „große Kiste“ mit dem (natür­lich pla­nen) Choral, dick aufge­tra­gen, Rück­kehr nach f-Moll, viel schwarze Noten; Hans Fährmann – auch hier „feier­lich“ aufge­blähte Akko­rde, die unver­mei­dliche Fuge, und das alles auf sat­te 19 Seit­en verteilt, da wird die feste Burg noch dreimal ummauert; Bruno Stein – Prae­ludi­um und Fuge, also Akko­rde, aufge­broch­ene Dreik­langs­fig­u­ra­tio­nen, die Fuge mit viel Sechzehn­teln und küh­nen Ped­al­soli.
Faz­it: in kleinen Dosen erträglich; dem einen oder der anderen Tas­ten­bezwingerIn wird das eine oder andere Stück gefall­en. Oft aber ste­ht der hohe tech­nis­che Aufwand in keinem guten Ver­hält­nis zum Er­gebnis. Als exem­plar­isches Kom­pendi­um des Umgangs der Roman­tik (im weitesten Sinne) mit Luthers exem­plar­ischen Refor­ma­tion­schoral eher eine speku­la­tiv-begrif­fliche denn prak­tik­able Samm­lung.

Klaus Uwe Lud­wig