Gárdonyi, Zsolt

EGATOP

Hommage à Errol Garner, Art Tatum und Oscar Peterson

Verlag/Label: Ostinato-Musikverlag Salzgitter, os 12.012 (2010)
erschienen in: organ 2011/04 , Seite 56

Drei Gigan­ten des Klavier­jazz standen Pate bei Zsolt Gár­donyis Kom­po­si­tion aus dem Jahre 2010: Errol Gar­ner (1921–77), der über ein feines Gehör und eine erstaunliche Tech­nik ver­fügte – obgle­ich er keine Noten lesen kon­nte – und der durch einen Stern auf dem „Hol­ly­wood Walk of Fame“ unsterb­lichen Ruhm erlangte; Art Tatum (1909–56), der nahezu blinde Pianist, dessen Ein­fluss auf den Jazz kaum unter­schätzt wer­den kann – auch und nicht zulet­zt wegen sein­er erstaunlichen Vir­tu­osität, dass man gar glaubte, „zwei Pianis­ten zu hören“ (wie Oscar Peter­son zu bericht­en weiß, der diese Ausnahme­erscheinung als den größten Jazz-Instru­men­tal­is­ten beze­ich­nete); und eben Oscar Peter­son (1925–2007), Gewin­ner von sieben Gram­mys, Träger des Glenn-Gould-Preis­es und ander­er Ausze­ich­nun­gen, die eine ein­drucksvolle Kar­riere wider­spiegeln: drei in der Jazz-Szene unsterbliche Stars, deren Andenken Gár­donyi mit EGATOP eine Orgelkom­po­si­tion als „Hom­mage“ zugedacht hat.
Ist die Orgel ihrem Wesen nach eigentlich ein jaz­ztauglich­es Instru­ment? Eignet sie sich mithin über­haupt für eine solche Hom­mage? Diese Frage stellt sich in der Tat, wenn man bedenkt, dass alle drei Inter­pre­ten gerühmt wur­den ob ihrer klan­glichen Feinsin­nigkeit und vor allem ihrer Vir­tu­osität auf dem Jaz­zpi­ano (!). Bei­de Ele­mente sind nur bed­ingt auf Orgeln – zumal in hal­li­gen Räu­men – umset­zbar. Ander­er­seits birgt eine Jazzkomposi­tion auf ein­er „klas­sis­chen“ (poly­pho­nen) Orgel, deren Reper­toire mehr mit barock­en Werken in Verbindung gebracht wird, dur­chaus Über­raschungsmo­mente und ganz eigene Reize – so weit, so gut.
Zsolt Gár­donyi (*1946) kom­ponierte das knapp fünfminütige Werk 2010 zum 80. Geburt­stag des Organ­is­ten Uwe-Karsten Groß – zuvor bere­its Wid­mungsträger manch­er Gár­donyi-Kom­po­si­tion. Anklänge an den Jazz sind freilich unüber­hör­bar. Damit ver­har­rt der Kom­pon­ist im Wesentlichen auf dem mit seinem Mozart Changes (1995) angedeuteten Weg ein­er jazz­in­spiri­erten Orgeldik­tion. Fernab von (teu­tonis­ch­er) Bemühtheit um franzö­sis­che orgel­sym­phonis­che Idiomatik sowie Zurschaustel­lung musikalis­ch­er „Gelahrtheit“ anhand kon­tra­punk­tis­ch­er Kün­steleien präsen­tieren sich Gár­donyis frühere Orgelkom­po­si­tio­nen frisch, unver­braucht, wirken alle­samt orig­inell (wie Aero­pho­nia, lei­der nur noch als Fan­tasie für Posaunen und Orgel erhältlich, oder Hom­mage à Mar­cel Dupré). In ihrer musikalis­chen Sprache waren (und sind) sie – bei näherem Hin- und Hinein­hören – unver­wech­sel­bar. Das vor­liegende Stück lässt eine solche klar iden­ti­fizier­bare Sprache jedoch ver­mis­sen: Gle­ich­för­migkeit im Ablauf der Fig­uren trotz manch wirkungs- bzw. humor­voll erscheinen­der Wen­dung. Als „Hom­mage“ wird EGATOP wohl über­leben kön­nen, als orig­inelle Kom­po­si­tion eines pro­filierten Gegen­wart­skom­pon­is­ten wirkt das Stück allzu pla­giathaft und kom­pos­i­torisch unam­bi­tion­iert.
Volk­er Ellen­berg­er