Anton Bruckner

Die Sinfonien, Vol. 0

Hansjörg Albrecht an der Bruckner-Orgel zu St. Florian

Verlag/Label: OehmsClassics OC 476 (2019)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/04 , Seite 52

Vor­weg ein Eingeständ­nis: Der Rezensent wird immer etwas nervös, wenn es um Orgel­bear­beitun­gen von Bruck­n­ers Sin­fonien geht. Deren oft behauptete Orgel­nähe ist frag­würdig; und der daraus abgeleit­ete Anstoß, sie auf die Orgel zu über­tra­gen, kann sehr lange und frus­trie­rende Hör­erfahrun­gen nach sich ziehen, han­delt es sich doch um Musik, deren Vor­bilder Beethoven und Wag­n­er nicht viel mit der Orgel im Sinn hatten.
2024 ste­ht Bruck­n­ers 200. Geburt­stag an, schon jet­zt liegen etliche Ein­spielun­gen von Bruck­n­er-Orgelüber­tra­gun­gen vor, und mehr wer­den fol­gen. Bei den Auf­nah­men von Han­sjörg Albrecht für das Label Oehms liegt das in der Natur der Sache, denn Albrecht strebt Voll­ständigkeit an. Er begann 2020 entsprechend mit Vol. 0 (für die „Nullte“), ver­gan­genen Juni erschien Vol. 1, und Vol. 2 erschien Ende November.
Bemerkenswert ist zum einen die Klangqual­ität der Auf­nah­men, zum anderen das Begleit­pro­gramm zu den Sin­fonien. So spielt Albrecht auf Vol. 0 auch die g‑Moll-Ouvertüre WAB 98, auf Vol. 1 die drei Orch­ester­stücke WAB 97 und den Marsch WAB 96, sämtlich Studien­stücke aus den 1860er Jahren. Ein schön­er Ein­fall ist es, den Sin­fonien jew­eils „Bruck­n­er-Fen­ster“ mitzugeben, zeit­genös­sis­che Kom­po­si­tio­nen, die eine neue Per­spek­tive auf Bruck­n­ers Musik eröff­nen. Zur „Null­ten“ gesellt sich als „Bruck­n­er-Fen­ster I“ das wun­der­bar weiträu­mige Orbis fac­tor aus den Choral­bear­beitun­gen von Philipp Maintz (s. Musik und Kirche 4/2021, S. 271); die 1. Sin­fonie kom­men­tiert Bruck­n­er-Fen­ster II von Oscar Jock­el, eine zehn­minütige, kreisend kaden­zierende Steigerungswelle: Bruck­n­er­sche Mon­u­men­tal­ität, gebrochen durch die Erfahrung von Mes­si­aens Appari­tion de l’Église éternelle.
Betra­chtet man die klan­gliche Umset­zung, so weisen schon die gewählten Orgeln – die Bruck­n­er-Orgel in St. Flo­ri­an, die neue Rieger-Orgel des Linz­er Bruck­n­er­haus­es und, bei Vol. 2, die Willis-Orgel der West­min­ster Cathe­dral – darauf hin, dass Albrecht auf orches­trale Bre­ite abzielt. Ver­fol­gt man sein Spiel mit der Par­ti­tur in der Hand, so wird das Bemühen deut­lich, nicht bloß dynamis­che Wellen mitzure­it­en, son­dern auch Bruck­n­ers Instru­men­ta­tion zu fol­gen. An der eigen­tüm­lichen Riesenorgel in St. Flo­ri­an nutzt er in der „Null­ten“ beson­ders die dynamisch vielfältig abschat­tierten Grund­stim­men; den Stre­icherk­lang belebt er häu­fig mit Schwebes­tim­men. Die Crescen­di real­isiert Albrecht ent­lang der vielfälti­gen Prinzi­palchöre, dem Ein­satz des Blechs entsprechen die kräftigeren Zungenstimmen.
Albrechts Umset­zung der 1. Sin­fonie, Bruck­n­ers „keck­en Beserls“, fol­gt an der Rieger-Orgel des Linz­er Bruck­n­er-Haus­es ähn­lichen Lin­ien, ist aber von deren franzö­sis­chem Klan­gauf­bau – mit dicht­en Grund­stim­men und einem kraftvoll dynamisierten Zun­gen­chor – deut­lich geprägt: Die dynamis­chen Wellen set­zt er hier gern nach dem Cavail­lé-Coll-Mod­ell um, auch unab­hängig vom Blechein­satz im Orig­i­nal. Die Trompe­te­nensem­bles und Riegerschen Mix­turen lassen immer noch aus­re­ichend Raum für sin­fonis­chen Nachdruck.
Unaus­bleib­lich sind in den Tran­skrip­tio­nen – bei­de stam­men von Erwin Horn – Glät­tun­gen, was die Höhen­la­gen der Tut­tis und manche Details in der durch­broch­enen Arbeit bet­rifft; die Synkopen-Vers­essen­heit im Kopf­satz der „Null­ten“ ist in der großzügi­gen Akustik von St. Flo­ri­an kaum zu ret­ten. Was in Albrechts Spiel über solche Ein­schränkun­gen hin­wegträgt, sind ein gewis­senhaft durchge­haltenes, gewis­ser­maßen dirigier­bares Metrum, die scharfe, durch­dachte Artikula­tion und sein Gespür für poet­is­che Solo-Momente und San­glichkeit selb­st in den dynamis­chen Extremen. So glück­en ihm strin­gent aufge­baute Satzver­läufe, die sich tat­säch­lich der Dra­matik der Orches­terversionen annäh­ern. Sie machen ges­pan­nt auf die weit­eren Sin­fonien, beson­ders ab der Drit­ten, wenn die Finalkonzep­tio­nen in ganz neue Räume des Mon­u­men­tal­en drängen.

… Damit bleibt die Frage: An wen richt­en sich solche Bear­beitun­gen? Bruck­n­er-Jünger wer­den stets die Erre­gungs­bö­gen des Orch­esters ver­mis­sen, die Stre­ich­er- und Horn­sätze, die expres­siv­en Soli und dif­feren­zierten Ensem­bles. Die Fre­unde von Orge­lauf­nah­men dage­gen dür­fen reich­es Far­ben­spiel, drastis­che Aus­brüche und unge­brem­ste Mon­u­men­tal­ität erwarten, von großen, berühmten oder auch – Bruck­n­er­haus Linz – ganz neuen Instru­menten. Und das ohne die Kom­plex­itäts­grade von Bach und Reger oder die vorgeze­ich­neten Klang­wege franzö­sis­ch­er Sin­fonik. Diese Hör­er dürften hier auf ihre Kosten kom­men – stundenlang.

Friedrich Spron­del