Lothar Graap

Die Nacht ist vorgedrungen

Choralpartita für Orgel

Verlag/Label: Edition Dohr 16387
erschienen in: organ 2017/04 , Seite 62

Der Begriff „Choral­par­ti­ta“ meint in diesem Fall nicht die übliche Vari­a­tio­nen­folge barock­en Zuschnitts, son­dern eine lose (suit­en­hafte) Rei­hung von fünf indi­vidu­ellen Satz­for­men: Präludi­um, Aria, Toc­ca­ta, Pas­sacaglia, Choral. Der Kom­pon­ist emp­fiehlt zwar, „sie als geschlossenes Stück aufzuführen“, falls indes im Gottes­di­enst, könne man „einen der Sätze als Nach­spiel oder an ander­er Stelle ver­wen­den“ (Vor­wort). Ein näher­er inhaltlich­er Bezug der fünf Ton­sätze zu den fünf Stro­phen der Dich­tung Jochen Klep­pers wird nicht weit­er the­ma­tisiert, mithin ist der Spiel­er gefordert, die aus­drucksmäßig recht unter­schiedlichen „Charak­ter­stücke“ ad hoc zu bün­deln. Diese 1972 ent­standene Par­ti­ta ist dem Melodis­ten Johannes Pet­zold (1912–85) gewid­met, dem Lothar Graap (geb. 1933) fre­und­schaftlich ver­bun­den war.
Im achtel­mo­torisch geprägten Präludi­um wer­den die einzel­nen Liedzeilen im Sopran und Bass in Choral­men­sur zitiert, wobei der For­m­grun­driss des Liedes selb­st durch Wieder­hol­ung der Tak­te 1 bis 12 (Stollen) beibehal­ten wird. Entschei­dend ist hier aber die Klang­hal­tung der Graap’schen Ton­sprache, näm­lich ein charak­ter­is­tis­ch­er Ein­satz der Dis­so­nanz. Diese war tra­di­tionell als Lizenz mit Vor­bere­itung, Wirkung und Rück­kehr ins kon­so­nante Umfeld ver­wen­det wor­den, nun­mehr gefällt es Graap, mit ein­er bes­timmten Auswahl von „dis­so­nan­ten“ Inter­val­lkon­stel­la­tio­nen wie Moll-Sep­takko­rd, Quar­tk­lang, Mix­turk­län­gen usw. eine Aus­druckssphäre zu erzeu­gen, bei der vielmehr ein kalei­doskopar­tiges Far­ben­spiel der Klänge im Vorder­grund ste­ht als das Phänomen Har­moni­estörung und deren Auflö­sung (der Kom­pon­ist und Musik­the­o­retik­er Wil­helm Keller, 1920–2008, hat für solch sta­tis­che, ohne Auflö­sungszwang wirk­ende Dis­so­nanzen den Begriff „Per­so­n­anz“ geprägt). Zudem zeigen sich Spuren von Hin­demiths Wer­tigkeitssys­tem der Klänge in der Organik des Ton­satzes, der stets diszi­plin­iert und hör­erfre­undlich zugle­ich von Meis­ter­hand (Stimm­führung!) gestal­tet wird.
Völ­lig anders präsen­tiert sich die Toc­ca­ta. Das Ini­tial­in­ter­vall der Lied­weise, die Quarte, erklingt vier­stim­mig und jew­eils apart per­so­n­ant eingek­lei­det, zum Ruf oder Auf­schrei (ff) verkürzt, im Man­u­al, sogle­ich von kurz­er Ped­al­fig­ur (Sechzehn­tel, ff) dial­o­gisch fort­ge­führt – in erup­tivem Schwung bauen sich Lin­ien und Klang­bal­lun­gen sehr schnell auf, die Dra­matik wird durch vari­able Satzdichte unter­stützt (Ein- bis Fün­f­s­tim­migkeit). Selb­st in dieser span­nungs­ge­lade­nen Aktion hält sich der Kom­pon­ist an die Lied­vor­lage und lässt die Stol­len­bear­beitung wieder­holen. Melodiefet­zen, oft rhyth­misch mod­i­fiziert, steigern die Hand­lungs­dichte bis in die beson­dere Schlussen­twick­lung hinein, deren ganztönige Sequen­zierung abwärts eben­so aufhorchen lässt (T. 30, Alt, zweimal ces’’?) wie am Ende die hochkarätig per­so­n­ante Verdich­tung von der Fünf- über die Sechs- bis zur uner­wartet hell strahlen­den Sieben­stim­migkeit des Finalk­langs G-Dur + 6 + 9: Hier nimmt die Bear­beitung des eher her­ben Adventsliedes den Lichter­glanz des Christ­festes vor­weg.

Klaus Beck­mann