Die helvetische Orgel

Fantasie über „Unser Leben gleicht der Reise“ (Beresinalied) | Suite helvétique | Ca­rillons suisses | Schweizer Volkslieder | Variationen über „Trittst im Morgenrot daher“

Verlag/Label: Müller & Schade M&S 5082/2 (2014)
erschienen in: organ 2014/04 , Seite 57

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Das Front­cov­er dieser CD ist nicht eben typ­isch für Orgel­musik-Ton­träger: Der Betra­chter schaut auf friedlich grasende bzw. ruhende Kühe auf ein­er Almwiese, dahin­ter Gebirgszüge, die in blauer Ferne ver­schwim­men. Das Alpen­idyll passt jedoch gut zum Inhalt der Scheibe: Auf dieser huldigt der Schweiz­er Organ­ist Stephan Thomas in Eigenkom­po­si­tio­nen der „hel­vetis­chen Orgel“. Ländliche Szenen voller Postkarten-Bun­theit malt er in sein­er Suite helvé­tique, wo „Am Alpsee“ sub­lim­ierte Jodler ertö­nen, zarte Flöten ein „Lueget vo Bärge und Tal“ anstim­men und in den übri­gen Sätzen aus­ge­lassene Fest-Fröh­lichkeit herrscht. Lefébu­re-Wélys so pro­fan anmu­tende Orgel­musik ist nicht weit, wenn hier walz­er- und polka­ar­tige Klänge neb­st Volksmelo­di­en in den Vorder­grund treten.

Eine Gruppe weit­er­er Volk­slieder arrang­ierte Thomas für die Orgel: schnell vorüberziehende Minuten-Minia­turen, in denen der ganze Bieder­sinn des Gen­res unver­hüllt ans Licht treten darf: mit herz­tausiger Dur-Seligkeit (Morge früe), nahezu kindlich schlicht (S Ram­sey­ers wei go grase), in san­ften Horn­quin­ten die Ohren schme­ichel­nd (Gang rüef der Brune) oder wie von ein­er Kirmes­or­gel ertö­nend. Weit­ere Inspi­ra­tio­nen liefer­ten dem Orga­nisten und Kom­pon­is­ten Thomas die Töne von Glo­cken bes­timmter Schweiz­er Kirchen:  Aus deren Geläute entwick­eln sich in den Car­il­lons suiss­es die osti­nat­en schwin­gen­den, pen­del­nden Motive.

Impuls für das Entste­hen aller hier einge­spiel­ten Werke gaben die tra­di­tionellen Orgelkonz­erte zum Schweiz­er Nation­alfeiertag in der Chur­er Stadtkirche St. Mar­tin, wo Thomas seit 1989 tätig ist. Am dor­ti­gen Instru­ment ist auch ein Teil der Auf­nah­men ent­standen: ein­er 1868 erbaut­en Kuhn-Orgel mit 43 Reg­is­tern auf drei Man­ualen und Ped­al, mech­a­nis­ch­er Trak­tur sowie pneu­ma­tis­ch­er Reg­i­s­tratur. Bei den restlichen Werken erklingt die kleinere zweiman­u­alige Orgel der Chur­er Reg­u­lakirche, die in ihrem Kernbe­stand auf ein 1745 von Joseph Lochn­er errichtetes Instru­ment zurück­ge­ht, das jedoch 1897 umdisponiert und 1971 auf 21 Reg­is­ter erweit­ert wurde.

Neben allen lustvoll insze­nierten Gen­restück­en enthält die CD noch zwei Werke von gewichtigerem Anspruch. Pathetis­chere Töne herrschen zu Beginn und zum Schluss der Vari­a­tio­nen über [die Schweiz­er Na­tionalhymne] „Trittst im Mor­gen­rot daher“. In die Folge der his­torisch an der Musik­sprache des 19. Jahrhun­derts ori­en­tierten Abwand­lun­gen der Melodie gerät allerd­ings auch ein schwungvoller Walz­er und sog­ar – leicht augen­zwinkernd – ein Bolero. Eine weit­ere bekan­nte Hym­ne, das Beresinalied, entwick­elt Stephan Thomas zur Choral­fan­tasie in der Nach­folge Max Regers, deren Abschnitte den wech­sel­nden Sin­nge­halt der einzel­nen Stro­phen erschließen.

Ger­hard Dietel