Siegrid Ernst
Das Signal
nach Texten von Rose Ausländer für Orgel und Sprecher, hg. von Kerstin Petersen
Rose Ausländer (1901–88) gilt als eine der bedeutendsten deutsch-jüdischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie stammte aus Czernowitz, einer Stadt mit wechselvoller Geschichte und heute zur Ukrainischen Republik gehörend. Existenziell bestimmend wurden für Rose Ausländers Lyrik ihre innere und äußere Emigration, ihre Exile in Europa und den USA. Ghetto, Flucht und das Trauma der Shoah bedeuteten gleichzeitig Heimatverlust und Heimatsuche, führten zu Reisen in die Fremde und erlaubten ihr nur ein Heimisch-Werden im Wort: „Mein Vaterland ist tot // Ich wohne in meinem Mutterland Wort“.
Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete, in Ludwigshafen aufgewachsene Pianistin und Komponistin Siegrid Ernst (1929–2022), welche sich zeitlebens für das musikalische Schaffen von Frauen einsetzte, hat in ihrem Werk Das Signal für Orgel und Sprecher fünf Gedichte (Das Signal, Werben, Gemeinsam, Hoffnung, Noch bist du da) von Ausländers Sammlung Ich höre das Herz des Oleanders in Musik eingewoben. Die Texte, die zu Rose Ausländers Spätwerk zählen, teilen das Orgelwerk in fünf Abschnitte ein. Die Komponistin hat dazu recht differenzierte dynamische sowie Registrations- und Tempoangaben gemacht. So wird gleich im mehrstimmigen Pedalpart zu Beginn ein 32’ gefordert, was viele Instrumente bereits ausschließen würde. Die Herausgeberin Kerstin Petersen, die bezüglich zeitgenössischer Orgelmusik viel Erfahrung mitbringt und das Werk zusammen mit dem Sprecher Cornelius Gebert 2025 bei Genuin (GEN 25900; vgl. organ 1/2025) eingespielt hat, schreibt im Vorwort, dass ein zweimanualiges Instrument (mittlerer Größe) genüge. Ferner macht sie Angaben zur Ausführung des Sprechtextes (z. B. mit oder ohne Mikrofon).
Der Orgelpart ist nicht allzu schwer zu lernen und schreibt bis auf den Anfang des Teils „Gemeinsam“ eher ruhige Tempi vor. Allerdings müssen die Abläufe mit der Sprecherin bzw. dem Sprecher abgestimmt und die Balance zwischen Text und Orgelklang muss gut austariert werden. Die größte Herausforderung besteht aber wohl darin, die durch die Kombination der
Lyrik von Rose Ausländer und der Musik von Siegrid Ernst quasi potenziert gesteigerte emotionale Tiefe und Expressivität beim Spielen auszuhalten: Man hat es hier eben nicht mit absoluter Musik zu tun, sondern im Hintergrund schwingen stets die schrecklichen Verbrechen der NS-Zeit mit. Im Vorwort werden verschiedene Aufführungsmöglichkeiten des etwa neunminütigen, sehr berührenden Werks vorgeschlagen.
Christian von Blohn


