Sigfrid Karg-Elert
Das Saugwindharmonium
Lars David Kellner, Saugwindharmonium
Der Harmonium-Interpret Lars David Kellner bereichert mit seiner CD-Reihe beim Label tastenreich nicht nur die Fangemeinde von Harmoniumliteratur. Er bietet auch dem Organisten vielfältige Anregungen, u. a. sein Reger- und Karg-Elert-Repertoire zu erweitern und sich mit den subtil-expressiven Klangwelten des Harmoniums in eigener Spielpraxis auf diesem kammermusikalischen Instrument zu beschäftigen.
Das seinerzeit beliebte Instrument nutzte Max Reger bereits seit seinen frühen Weidener Jahren und schätzte dessen Möglichkeiten als Basis-Medium in der Phase seiner Choralfantasien ab 1898. Auf dem originalen Hausinstrument der Reger-Familie erklingen hier 12 ausgewählte Lieder (1903) aus diversen Opera Max Regers (op. 31–62) in der Bearbeitung seines Lehrer-Vaters Josef sowie Max’ Sammlung Ausgewählte Stücke klassischer und moderner Meister, für Harmonium bearbeitet (ca. 1898/99). Lars David Kellner bietet dazu Ersteinspielungen von Orgelstücken in Regers Einrichtung für Harmonium: Fughette a-Moll WoO IV/18, „Invocation“, 2. Satz aus der d-Moll-Sonate op. 60, das berühmte Benedictus op. 59/9 und die anspruchsvoll kontrapunktische Romanze a-Moll WoO IV/11 als Originalkomposition für Harmonium. Eine große Überraschung sind – ebenfalls als Ersteinspielung – die Dreißig kleinen Choralvorspiele op. 135a, die in methodischer Hinsicht den intimen Mikrokosmos Regerscher Klangkultur quasi propädeutisch offenlegen: eine bewegende Hausandacht mit Reger auf dem Harmonium!
So muss es auch bei Sigfrid Karg-Elert gewesen sein, als er im Leipziger Rundfunk die Morgenandachten aus seiner Wohnung live gespielt hat. Der Komponist hat einen bedeutenden Teil seiner Werke für das (Druckwind-) Kunstharmonium geschrieben, das mit seiner Ausdrucksvielfalt und reichen Registerpalette seinem Klangideal am nächsten kam. Dennoch fand auch weiterhin das populärere Saugwindharmonium ohne Nachlassen der kompositorischen Ansprüche Verwendung. In den Impressionen op. 102 entfalten sich orchestrale Klangwirkungen besonders plastisch, etwa in „Fernsicht vor dem Regen“ oder in „Farben der Frühe“. Die Vox humana verleiht den Stücken ein warmes, vokales Timbre und kann zugleich hochliegenden Ostinati eine schwebende Leichtigkeit geben. Der Zyklus Romantische Stücke op. 103 stellt hohe Anforderungen an die Disposition des Instruments, so an die ausdrucksstarke Vox humana, unterschiedliche 16’-Stimmen im Diskant und insbesondere an das Waldhorn-Register, das in „Waldwanderung“, „Einsamer First“ oder „Romantisches Tal“ farbintensiv eingesetzt wird. In den formal und inhaltlich an die Opera 102 und 103 anknüpfenden Idyllen op. 104 zeigt sich einmal mehr der musikalische Impressionist Karg-Elert: „Sommerfäden“ oder „Wolken über See“ arbeiten mit flächigen Klanggrundlagen und ausgeprägter Chromatisierung, wodurch statische Atmosphären und feine Farbnuancen entstehen.
Lars David Kellner eröffnet mit seinem feinsinnig ausgeloteten Spiel alle klangspezifischen Möglichkeiten und trägt einmal mehr zur vorteilhaften künstlerischen Ehrenrettung des oft verkannten Instruments bei.
Wolf Kalipp


