Schönberg, Arnold

Das Orgelwerk

+ Viktor Ullmann: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke für Sprecher und Orgel

Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 117
erschienen in: organ 2014/02 , Seite 55

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Zur Orgel hat­te Arnold Schön­berg ein dur­chaus zwiespältiges bis dis­tanziertes Ver­hält­nis; denn das Instru­ment mit seinen „natür­lichen“ Oktav‑, Quint- und Terzver­dopplun­gen entsprach so gar nicht sein­er musikalis­chen Ästhetik. Ein Kom­po­si­tion­sauf­trag des New York­er Ver­lags H. W. Gray führte im Jahr 1943 gle­ich­wohl zu ein­er einge­hen­deren Beschäf­ti­gung mit der Orgel: Es ent­stand zunächst das Frag­ment ein­er Sonate und dann, nach Präzi­sion des Ver­legerwun­sches, Schön­bergs Opus 40, die Vari­a­tions on a Recita­tive. Mit dieser wohl von dodeka­pho­nen Erfahrun­gen inspiri­erten, aber let­ztlich tonal gegrün­de­ten Arbeit erwies Schön­berg Bach und dessen Kun­st der Fuge seine per­sön­liche Rev­erenz auf der Orgel: in motivis­chen Anspielun­gen und aller­hand kon­tra­punk­tis­chen Kunstfertigkeiten.
 Für seine Ein­spielung des nicht ein­mal zwanzig Minuten umfassenden Orgelschaf­fens Schön­bergs wählte Mar­tin Schmed­ing, der seit 2004 Pro­fes­sor für Orgel an der staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg ist, bewusst eine Konz­ert­saal-Orgel, näm­lich das von der Bautzen­er Werk­statt Eule 2009 in der Duis­burg­er Mer­ca­torhalle errichtete vier­man­u­alige Instru­ment, das sich in sein­er Dis­po­si­tion am englisch-sin­fonis­chen Orgel­typ des frühen 20. Jahrhun­derts anlehnt. Dies erweist sich als sin­nvolle Entschei­dung, denn dadurch erre­icht Schmed­ing in der eher trock­e­nen Saalakustik eine trans­par­ente Darstel­lung der kom­plex­en musikalis­chen Struk­turen, die jedoch zugle­ich als expres­sive Klan­grede wirkt. Aus Schön­bergs Œuvre inter­pretiert Schmed­ing weit­er­hin die Klavier­stücke op. 19 in der Orgel­bear­beitung Got­tlieb Blarrs, wobei er bemüht ist, Schön­bergs detail­lierte dynamis­che Schat­tierungswün­sche akribisch auch auf der Orgel zu realisieren.
 Kom­plet­tiert wird die Ein­spielung durch ein Werk des zeitweili­gen Schön­berg-Schülers Vik­tor Ull­mann, der zur Gruppe jen­er Kün­stler gehört, welche unter der nation­al­sozial­is­tis­chen Herrschaft nach There­sien­stadt deportiert und später in Auschwitz umge­bracht wur­den. Ull­manns let­zte große Kom­po­si­tion, die für Sprech­er und Orch­ester geschriebene Weise von Liebe und Tod des Cor­nets Chris­toph Rilke, wird hier in Mar­tin Schmedings
eigen­er Bear­beitung für Orgel wiedergegeben. Mit Rück­sicht auf den Textvor­trag lässt die Auf­nah­me­tech­nik den Orgelk­lang manch­mal fast schon zu sehr in den Hin­ter­grund treten als sie melo­drama­tisch mit dem Text zu verzah­nen, so dass etwa Ull­manns gezielt „rei­t­ende“ Rhyth­mik mehr zu erah­nen als klar zu vernehmen ist. Rilkes rhyth­mis­che Prosa – inklu­sive der von Ull­mann nicht berück­sichtigten Zwis­chen­teile – wird von Torsten Mey­er deklamiert: gezielt kost­bar und pretiös, mit kun­stvollen Verzögerun­gen und überdeut­lich­er Dik­tion. An diesem Manieris­mus, der zuweilen ein wenig blasiert wirkt, hört man sich freilich schnell ab: mag er auch als adäquat zur ela­bori­erten Déca­dence-Kun­st Rilkes gedacht gewe­sen sein.

Ger­hard Dietel