Danziger Barock I: Volckmar – Gronau – Mohrheim

Verlag/Label: Paschenrecords R18-0005-0001 (2013)
erschienen in: organ 2014/03 , Seite 50

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Die bei­den CDs sind bezüglich ihres Gen­res so eng miteinan­der verknüpft, dass sie nach ein­er gemein­samen Besprechung ger­adezu ver­lan­gen. Verbinden­des Ele­ment ist ein­er­seits die beein­druck­ende von Andreas Hilde­brandt 1717–19 erbaute Orgel (36/II/P), die 2013 durch die Dres­d­ner Werk­statt Wegschei­der aufwändig restau­ri­ert wurde. Aber auch die Pro­gram­mgestal­tung der bei­den Auf­nah­men wurde opti­mal zwis­chen den Inter­pre­ten abges­timmt. Rah­men bilden jew­eils drei Orgel­sonat­en von Theophil Andreas Vol­ck­mar (1686–1768); dazwis­chen erklin­gen Choral­bear­beitun­gen und Vari­a­tio­nen von Daniel Mag­nus Gronau (ca. 1685–1747), Friedrich Got­tlieb Gleimann (ca. 1713–82) und Friedrich Chris­t­ian Mohrheim (1719–80). Beson­ders erfreulich ist, dass Mar­tin Rost und Krzysztof Urba­ni­ak eine Mikrover­fil­mung der seit 1947 ver­schol­lenen Choralvaria­tionen von Mohrheim aus­machen kon­nten und so das ohne­hin gegenüber Ham­burg­er und Lübeck­er Meis­tern ver­nach­läs­sigte Danziger Reper­toire um gewichtige Werke mit auf­schlussre­ichen Regis­trieranweisungen bere­ich­ern kon­nten. Man muss kaum eigens erwäh­nen, dass Instru­ment und einge­spieltes Reper­toire hier eine ide­ale sym­bi­o­tis­che Verbindung einge­hen. Die Hilde­brandt-Orgel besticht gle­icher­maßen mit charak­ter­vollen Solostim­men wie auch mit einem grav­itätis­chen Plenum und eignet sich so in beson­derem Maße zur Darstel­lung spät­barock­er Werke.
Die Musik selb­st spiegelt den hohen vir­tu­osen Stan­dard der dama­li­gen Danziger Organ­is­ten eben­so wider wie das solide kom­pos­i­torische Handw­erk ihrer Urhe­ber. Die Werke zeigen fast aus­nahm­s­los bere­its mehr oder min­der aus­geprägte Merk­male des kom­menden galanten Stils und präsen­tieren sich somit fast „avant­gardis­tisch“. Manche Wen­dung erin­nert an die Ton­sprache der Bach-Schüler-Gen­er­a­tion wie Krebs, C. P. E. Bach, Homil­ius. Ähn­lich wie bei diesen ist die eine oder andere Sequenz doch recht vorausse­hbar, und manche Melodie ver­liert sich ein wenig in allzu gefäl­liger dreik­langseliger Ein­falt. Diese kleineren, eher mar­ginalen Kom­po­sitionsmängel sollen aber keines­falls den Blick auf höchst orig­inelle Wen­dun­gen ver­stellen. So begin­nt die Fuge in Volck­mars d-Moll-Sonate in der Manier des sty­lus gravis, recht ernst mit einem altväter­lichen chro­ma­tis­chen The­ma. Der strenge Satz wird allerd­ings unver­mit­telt durch con­cer­toar­tige Zwis­chen­spiele unter­brochen bzw. gelock­ert: eine höchst gelun­gene Syn­these von Altem und Neuem!
Zum Gelin­gen dieser Auf­nah­men tra­gen vor­ab natür­lich die bei­den Inter­pre­ten bei, die bei­de aus­gewiesene Spezial­is­ten für barocke Orgel­musik des hanseatis­chen Raums sind. Rost amtiert an der großen, eben­falls vor­bildlich durch Wegschei­der restau­ri­erten Stell­wa­gen-Orgel in Stral­sund. Urba­ni­ak leit­et die Konz­ertrei­he in Pasle?k, ist hier sozusagen zu Hause. Bei­de gehen mit kraftvollem Impe­tus und betont vir­tu­osem Zugriff zu Werk, was der spiel­freudi­gen Musik sehr ent­ge­genkommt. Auf­nah­me­tech­nik und Ausstat­tung der CDs sind untadelig. Alles in allem eine höchst erfreuliche Neuer­schei­n­ung von aus­ge­sprochen hohem Reper­toirew­ert.
 
Axel Wilberg