Friedrich Cerha

Complete Works für Organ

Wolfgang Kogert an den Orgeln der Stiftskirche St. Arnual in Saarbrücken, im ORF RadioKulturhaus Wien und in der Jesuitenkirche Heidelberg

Verlag/Label: Kairos, 0022064KAI (2026)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/03 , Seite 62

Er spielte bis vor einem reichlichen Jahrzehnt in der Orgelmusikszene überhaupt keine Rolle: der hoch geschätzte österreichische Komponist Friedrich Cerha (1926–2023). Wen wundert es, fand er doch erst im hohen Alter einen Zugang zur Orgel. Ihre Klangwucht im Tutti oder Pleno war ihm höchst unangenehm, so dass sein Herz für diese Klangwelt zunächst verschlossen blieb. Doch dann, urplötzlich, 2011, entdeckte er die Vielfalt der Stimmen dieses Instruments, griff zum Komponierstift und schuf ein erstaunliches, insgesamt rund 68-minütiges, 25 Titel umfassendes Œuvre und beendete 2020 sein Schaffen mit einer fulminanten Toccata. Dabei stehen neben jener drei Zyklen im Vordergrund: neun Präludien, neun Inventionen und sechs Postludien.
Es ist dem engagierten Wirken von Wolfgang Kogert, der sich von Anbeginn um Cerhas Orgelschaffen intensiv kümmerte, zu danken, dass mit diesem Album eine re­präsentative Gesamtschau auf den Markt gekommen ist. In enger Zusammenarbeit mit dem Kompo­nis­ten widmete sich Kogert dieser aufwändigen Arbeit, denn Cerhas Stü­cke sind von hohem gestalterischen und spieltechnischen Anspruch. Die künstlerische Symbiose von Kom­po­nis­t und Interpret kommt bei dieser CD unüberhörbar zum Tragen, denn jede ausgewählte Regis­trierung, jede Tempowahl und jegliche Artikulation überzeugen.
Cerha vermeidet großformatige Stücke, liebt die kleine Form, die Miniatur. Seine Toccata erreicht knapp acht Minuten Spieldauer. Alle übrigen Stücke bleiben oft unter oder etwas über einer Minute, so dass sich keine Ermüdungserscheinungen beim Hören dieser sich zwischen avantgardistischen Klängen und Multiperspektivität bewegenden Musik einstellen. Cerha liebt vor allem die zweistimmigen, teilweise sogar einstimmigen Episoden, setzt deutliche Pointen und zeigt Abstinenz gegenüber den massiven Ballungen des Organo Pleno.
Bewundernswert ist Wolfgang Kogerts brillante, werk- und notengetreue Wiedergabe der oft rhythmisch komplex verzahnten Strukturen; dennoch entsteht eine pa­ckende musikalische Aussage. Auch die teilweise mit programmatischen Titeln versehenen Postludien wie Die unbeantwortete Frage oder Endlich Schluss setzt er bestens um, zumal Cerha in finalen Wendungen, auch in der Toccata, die Hörer oft im pp verdutzt zurücklässt. Dies macht das Besondere seiner Musik aus.
Eingespielt wurden die Aufnahmen an den beiden Kuhn-Orgeln in Saarbrücken und Heidelberg sowie an der Schuke-Orgel im ORF Wien – eine sehr gute Wahl hinsichtlich der akustischen Umsetzung der Werke. Ganz bestimmt dürfte Friedrich Cerha sein Placet dazu gegeben haben. Lukas Haselböck gibt im Booklet (E/D) einen fundierten, persönlich tendierten Einblick in das Orgelschaffen Cerhas, abgerundet mit einer interessant zu lesenden Sentenz von Cerhas Ehefrau Gertraud Cerha. Insgesamt ein sehr instruktives Album, das Friedrich Cerha ein würdiges Denkmal setzt.

Felix Friedrich

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