Elgar, Edward (1857–1934)

Complete Original Organ Music

Verlag/Label: Brilliant Classics 94959 (2015)
erschienen in: organ 2016/01 , Seite 58

4 von 5 Pfeifen

Betra­chtet man das Pro­gramm der vor­liegen­den CD-Ein­spielung nä­her, dann ver­wun­dert der Titel den Kon­ti­nen­taleu­ropäer doch ein wenig: Da ist die Rede von Edward Elgars orig­i­nalen Orgelkom­po­si­tio­nen – doch orig­inär für das Instru­ment Orgel ist einzig seine Sonate op. 28 geschrieben; alle anderen hier einge­spiel­ten Werke sind Bear­beitun­gen, wen­ngle­ich sie schon seit Gen­er­a­tio­nen zum Orgel­reper­toire eines jeden ver­i­ta­blen Organ­is­ten aus Großbri­tan­nien zählen.
Den Rah­men bilden die bei­den unver­mei­dlichen Klas­sik­er Elgars, der wie kaum ein ander­er Kom­pon­ist zur klan­glichen Iden­ti­fika­tions­fig­ur ein­er ganzen Nation gewor­den ist, zeigt sich hierin doch sein untrügerisch­er Sinn für das Zer­e­monielle. So erfreuen sich bis heute seine Märsche ein­er großen Beliebtheit, nicht zulet­zt bei „staat­stra­gen­den“ öffentlichen Anlässen. Ist sein Impe­r­i­al March op. 32, kom­poniert 1897 zum sechzigjähri­gen Thron­ju­biläum von Köni­gin Vic­to­ria und noch im sel­ben Jahr vom Organis­ten der Lon­don­er St. Paul’s Kathe­drale, Sir George Clement Mar­tin, für Orgel bear­beit­et, oft bei kirch­lichen Feiern zu hören, so gehört der erste der fünf Pomp and Cir­cum­stance-Märsche, eben­falls unmit­tel­bar nach der Urauf­führung durch Edwin Lemare für Orgel bear­beit­et, zum alljährlichen Pflicht­stück der „Last Night of the Proms“ in der Lon­don­er Roy­al Albert Hall. Obwohl Bear­beitun­gen, gehören diese Werke ganz selb­stver­ständlich zu den Paradestück­en angel­säch­sis­ch­er Or­ganis­tInnen. El­gars Märsche klin­gen – im Gegen­satz etwa zum wil­helminisch-preußis­chen „Uff­ta­ta“ – leicht und beschwingt, und zwis­chen den Noten lugt stets der sprich­wörtliche englis­che Humor her­vor.
Der zuweilen jugendlich draufgän­gerische Elan des 1990 gebore­nen Daniel Justin, ger­ade zum Direc­tor of Music der katholis­chen Kathe­drale von Nor­wich ernan­nt, schützt ihn ger­ade in diesen bei­den Stück­en vor falschem Pathos. Die Musik hat trotz pro­tokol­lar­isch­er Etikette stets aus­re­ichend Verve, und mit leicht­füßiger Ele­ganz meis­tert der Inter­pret ganz neben­bei die spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen. So zeigt er sich denn auch der ful­mi­nan­ten Sonate G-Dur gewach­sen. In der eher trock­e­nen Akustik der Kathe­drale von Leeds besticht Jus­tin mit artiku­la­torisch­er Präzi­sion sowie gestal­ter­isch­er Klarheit, die stets das Ganze im Blick hat. Wun­der­bar musiziert ist auch „Nim­rod“ aus den Enig­ma-Vari­a­tio­nen. Einzig die „Can­tique“, die von der Auf­nahme her allzu direkt einge­fan­gen ist, hätte etwas mehr Sen­ti­ment ver­tra­gen kön­nen.
Die 1904 von Nor­man & Beard erbaute Orgel, über die man im Bei­heft lei­der nichts erfährt, gilt als her­aus­ra­gen­des Beispiel britis­chen Orgel­baus zu Beginn des 20. Jahrhun­derts. Nach dreißig Jahren unfrei­williger Schweigsamkeit wurde die Orig­i­nal­sub­stanz 2010 von Klais restau­ri­ert, gle­ichzeit­ig das Instru­ment aber den heuti­gen Anforderun­gen ein­er auch musikalisch lebendi­gen Kathe­dralkirche angepasst und auf ins­ge­samt sieben Teil­w­erke erweit­ert. Erstaunlich, mit welchem Geschick hier Into­na­teur Frank Ret­terath das Neue in die beste­hende his­torische Sub­stanz inte­gri­ert hat.

Wolf­gang Valerius