Cavazzoni, Girolamo

Complete Organ Works

Verlag/Label: 2 CDs,Tactus TC 510391 (2016)
erschienen in: organ 2017/02 , Seite 54

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Ivana Val­ot­ti, aus­gewiesene Exper­tin für die Tas­ten­musik des 16. bis 18. Jahrhun­derts ihres Heimat­landes Ital­ien und Pro­fes­sorin am Mailän­der Kon­ser­va­to­ri­um, hat mit dieser CD eine Ein­spielung sämtlich­er über­liefer­t­er Werke Giro­lamo Cavaz­zo­nis (1506/12? – nach 1577) für Tas­tenin­stru­mente vorgelegt.
Um es gle­ich vor­wegzunehmen: Der „Clou“ dieser Auf­nahme ist klar das dur­chaus als sin­gulär zu beze­ich­nende Instru­ment aus der Peri­ode der ital­ienis­chen Spätre­nais­sance: näm­lich die Orgel aus der Werk­statt von Grazia­dio Anteg­nati, 1565 in der Basil­i­ca palati­na di San­ta Bar­bara (ehe­ma­lige Hofkirche der Fürsten Gon­za­ga) zu Man­tua errichtet als „Organo in cor­nu Epis­tu­lae“. Cavaz­zoni hat­te die Dis­po­si­tion des Instru­ments bes­timmt und den Bau per­sön­lich überwacht. Nach ein­er umfänglichen Restau­rierung in den Jahren 1995 bis 2006 scheint das Instru­ment hör­bar seine ursprüngliche Frische und Schön­heit wieder­erlangt zu haben.
Cavaz­zoni, dessen Lebens­dat­en ziem­lich im Dun­klen liegen, wurde wohl in Bologna oder auch Urbino als Sohn des Organ­is­ten Mar­co Anto­nio Cavaz­zoni geboren, hielt sich ver­mut­lich in früher Jugend in Venedig auf und war spätestens seit 1565 Organ­ist an der erwäh­n­ten Hofkirche in Man­tua. Sein über­liefertes Œuvre ist im Wesentlichen in zwei Büch­ern (Intavolatu­ra libro pri­mo, gedruckt zu Venedig 1543; Intab­u­latu­ra d’organo, nicht datiert, etwa zwis­chen 1543 und 1549 veröf­fentlicht) über­liefert. Bei­de Bände enthal­ten Hym­nen, Ricer­care, Can­zo­nen, Mag­ni­fi­cat-Ver­to­nun­gen für die übliche Alter­na­tim-Prax­is sowie drei Orgel-Messen. Bee­in­flusst wurde Cavaz­zoni wohl vor allem durch die Musik des Fran­co-Fla­men Adri­an Willaerts; zugle­ich sind seine Kom­po­si­tio­nen maßge­bliche Vor­bilder für ähn­liche Werke von berühmten Zeitgenossen Ital­iens wie Giro­lamo Fres­cobal­di, Clau­dio Meru­lo, Adri­ano Banchieri und Andrea Gabrieli. Cavaz­zo­nis Stil ist von meis­ter­lichem Umgang mit dem Kon­tra­punkt geprägt, durch­drun­gen von über­raschen­den har­monis­chen und the­ma­tis­chen Wen­dun­gen, reichen rhyth­mis­chen Details und fan­tasievoller Diminu­tion­stech­nik.
Die Auf­nahme Val­ot­tis ist von großer per­sön­lich­er „Anteil­nahme“ geprägt, welche das Anhören der bei­den CDs auch am Stück deut­lich erle­ichtert und beim Hör­er gar zu gewis­sen wohli­gen „Rauschzustän­den“ führen mag … Die klan­glich beza­ubernde Räum­lichkeit der Mantueser Basi­li­ka ist natür­lich und angenehm einge­fan­gen. Die umfan­gre­ichen Texte aus der Fed­er der Inter­pretin (ital./engl.) sind infor­ma­tiv und für das Ver­ständ­nis des speziellen Reper­toires hil­fre­ich.
Val­ot­ti reg­istri­ert abso­lut überzeu­gend, neben­bei sind die wichtig­sten Reg­is­ter solis­tisch wie auch in Ensem­blemis­chun­gen dargestellt und ermöglichen so ein intimes Ken­nen­ler­nen dieser wun­der­vollen Anteg­nati-Orgel. Val­ot­tis schon erwäh­nte „Anteil­nahme“ erweist sich vor­ab in der nicht min­der per­sön­lichen als überzeu­gen­den Inter­pre­ta­tion, die stilis­tisch tadel­los und musikan­tisch sehr durch­drun­gen den geneigten Hör­er müh­e­los zu erre­ichen ver­mag. Eine echte Empfehlung für Fre­unde der Musik dieser bedeu­ten­den Epoche!

Chris­t­ian Brem­beck