Bruhns, Nicolaus

Complete Organ Works

sowie Werke von Arnold Melchior Brunckhorst und Anonymi

Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm MDG 906 1878-6
erschienen in: organ 2015/03 , Seite 59

3 von 5 Pfeifen

Weit mehr als der Titel angibt, bietet die CD neben dem Œuvre von Nico­laus Bruhns Werke von Arnold Mel­chior Brunck­horst, einen anony­men vierteili­gen Kyrie-Zyk­lus aus der Hand­schrift U 298 der Lü­be­cker Stadt­bib­lio­thek, eine eben­falls ano­nyme Ver­sus-Bear­beitung über „Du Friede­fürst“ ohne Quel­lenangabe sowie eine Reg­is­ter­vorstel­lung der Johann-Hin­rich-Klap­mey­er-Orgel (1727–30) durch den Organ­ista loci Ingo Duwensee. 
Das Ensem­ble der Bruhns-Auf­nah­men ist pünk­tlich zum Bruhns-Jubiläum 2015 (350. Geburt­stag) erschienen. Welch inneren Bezug nun­mehr Brunck­horst und die Anony­mi zum Jubi­lar aufweisen, bleibt indes unklar. Wie auch das Autorschaft­sprob­lem des Bruhns zugeschriebe­nen g-Moll-Prae­ludi­ums in der Schwebe bleibt: Im Begleit­text (S. 19) wird berichtet, dass die Zuschrei­bung 2006 „durch Diet­rich Koll­mannsperg­er angezweifelt“ wor­den sei, während auf der CD immer noch bzw. kom­men­tar­los Nico­laus Bruhns als Autor erscheint. Dieser Fall kon­nte inzwis­chen defin­i­tiv und ein­deutig zugun­sten Brunck­horsts entsch­ieden wer­den, wie die inzwis­chen mehrfach vorhan­dene Lit­er­atur belegt (Ars Organi, 54. Jg. 2006, S. 111 f.; N. Bruhns / A. M. Brunck­horst, Sämtliche Orgel­w­erke, Mainz: Schott 2007; Klaus Beck­mann: Die Nord­deutsche Schule, Teil II, Mainz: Schott 2009, S. 533, 547 ff.). Ähn­lich bei „Du Friede­fürst“, wo der Noten­text seit 2009 in der Indi­vid­u­alaus­gabe des ver­muteten Ver­fassers Peter Morhard – samt Quel­lenangabe „Lüneb­urg­er Tab­u­latur KN 209“ – vor­liegt (Morhard, Sämtliche Orgel­w­erke, Mainz: Schott 2009 / Meis­ter der Nord­deutschen Orgelschule, Band 19).
Das G-Dur-Prae­ludi­um erhält seine vorteil­hafte Pro­fil­ierung durch geschick­te kon­trastierende Gegenüber­stel­lung der Werke HW, RP, BW und Ped­al, far­blich wie dynamisch, wobei das Ped­al in seinen solis­tis­chen Streck­en unver­hält­nis­mäßig dominiert. Wohltuend kon­stant in Tem­po, Artiku­la­tion und durch­sichtiger Reg­istrierung wer­den Dupel- und Tripelfuge musiziert, während ein schmis­siger Rap­tus, ver­mut­lich dem ominösen Sty­lus phan­tas­ti­cus geschuldet, die tokkatisch-fig­u­ra­tiv­en Par­tien prägt – bei den mehrfachen Wiederholungs­figuren erklingt eher ein vorweg­genommener Sturm und Drang à la manière de Beethoven als barocke Dekla­ma­tion. 
Ähn­lich die Darstel­lung von Nico­las Bruhns’ Opus sum­mum in e-Moll: aparte Far­bge­bung, Bemühen um Kon­trastierung – indes fehlt in Altenbruch der Hall­raum. Ergänzte Orna­men­tierung ist bei Bux­te­hude – und seinem Schüler? – bekan­nter­maßen nicht erwün­scht. Die Choral­fan­tasie Nun komm erscheint ins­ge­samt med­i­ta­tiv sehr zurückgenom­men; ein Wech­sel der Satzstruk­tur wie in Takt 58 ff. wird freilich nicht als Kon­trast aktiviert. Ins­ge­samt ein klin­gen­des Orgel­porträt mit adäquater Lit­er­atur.
 
Klaus Beck­mann