Bach, Johann Sebastian

Complete Organ Music, Vol. 4

Verlag/Label: 4 CDs, Brilliant Classics 95005 (2014)
erschienen in: organ 2016/01 , Seite 56

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Die Vielzahl an (unter­schiedlich kom­plet­ten) Gesamtein­spielun­gen der Orgel­musik Johann Sebas­t­ian Bachs zu überblick­en und zu charak­ter­isieren, wäre inzwis­chen selb­st schon eine musik­wis­senschaftliche Forschungsar­beit wert. Zu den bish­er unter­nomme­nen Inter­pre­ta­tio­nen gesellt sich jüngst die Neuein­spielung des ital­ienis­chen Organis­ten, Cem­bal­is­ten und Musik­wis­senschaftlers Ste­fano Molar­di, die mit dem vor­liegen­den, vier CDs enthal­tenden „Vol­ume 4“ ihren Abschluss find­et.
Schon in den ver­gan­genen Teilen dieses Pro­jek­ts hat­te Molar­di auss­chließlich auf Instru­menten aus Bachs näherem zeitlichen und geografis­chen Umfeld musiziert: der Trost-Orgel in Wal­ter­shausen, der Sil­ber­mann-Orgel der Dres­d­ner Hofkirche und einem Instru­ment von Zacharias Hilde­brandt aus Sanger­shausen. Für den Abschluss seines Pro­jek­ts stand Molar­di die 1728–31 von Johann Christoph Thiele­mann errichtete Orgel der Dreifaltigkeit­skirche im thüringis­chen Gräfen­hain zur Ver­fü­gung: ein zweiman­u­aliges, mod­i­fiziert mit­teltönig ges­timmtes Instru­ment mit 21 Reg­is­tern, das zu den weni­gen noch bespiel­baren Werken Thiele­manns zählt und in den Jahren 1993 bis 1996 eine Restau­rierung durch die Orgel­bau­fir­ma Wal­ter­shausen erfuhr.
Einen Schw­er­punkt dieses choral­ge­bun­dene wie freie Orgel­musik enthal­tenden „Vol­ume 4“ bilden Früh­w­erke, die Bach in der kon­struk­tiv­en Auseinan­der­set­zung mit Vorgängern wie Pachel­bel, Böhm und Bux­te­hude oder auch ital­ienis­chen und franzö­sis­chen Vor­bildern Fres­cobald­is und de Grignys zeigen. Fast voll­ständig sind hier unter anderem die erst 1985 pub­lizierten frühen Orgel­choräle aus der Neumeis­ter-Samm­lung enthal­ten. Doch auch Bachs Spätwerk ist mit Präludi­um und Fuge BWV 546 vertreten, und an umfan­gre­icheren Kom­po­si­tio­nen enthält diese CD-Box Bachs c-Moll-Pas­sacaglia sowie die Pas­torel­la BWV 590. Mit Präludi­um und Fuge in d-Moll BWV 539 berück­sichtigt Molardis Auswahl fern­er ein Werk von zweifel­hafter Authen­tiz­ität.
Der Größe des ver­wen­de­ten Instru­ments entsprechend herrscht bei Molardis Ein­spielun­gen ein eher durch­sichtiges, nie wuchtiges Klang­bild, so dass auch die pop­uläre d-Moll-Toc­ca­ta BWV 565 dem Hör­er ohne den üblichen Über­wäl­ti­gungs­ges­tus in ein­er schlanken, eben­so vir­tu­osen wie fan­tasievoll-freien Gestalt begeg­net. Molardis Ein­spielung holt Bach sozusagen vom Sock­el und präsen­tiert dessen Orgel­musik weniger als numi­nose Erschei­n­ung denn als Musik men­schlichen Maßes. Die Auf­nah­me­tech­nik unter­stützt noch den Ein­druck der Nähe: Es ist, als würde der Hör­er nicht auf die übliche Dis­tanz zur Orgelem­pore gehal­ten, son­dern blick­te dem Spiel­er qua­si über die Schul­ter. Dabei befleißigt sich Molar­di eines klar artikulierten und phrasierten, oft leicht inegalen Spiels, was beson­ders bei Bachs Choral­bear­beitun­gen und -Par­titen einen unge­mein sprechen­den Ein­druck her­vor­ruft.

Ger­hard Dietel