Erich • Saxer • Druckenmüller

Complete Organ Music

Verlag/Label: Brilliant Classics 95284 (2016)
erschienen in: organ 2016/03 , Seite 55

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Das auf der vor­liegen­den CD einge­spielte Reper­toire beleuchtet ein bis­lang rel­a­tiv wenig beachtetes Kapi­tel des Hanseatis­chen Orgel­barock: die unmit­tel­bar post-Bux­te­hud­is­che Ära. Daniel Erich beschre­it­et bei seinen Choral­bear­beitun­gen mit Aus­nahme von „Es ist das Heil uns kom­men her“ gegenüber dem Großmeis­ter kaum neue Wege. Dage­gen fol­gen die nord­deutsch geschul­ten Organ­is­ten Georg Wil­helm Diet­rich Sax­er und Christoph Wolf­gang Druck­en­müller ähn­lich wie Georg Diet­rich Ley­d­ing der ital­ienis­chen Con­cer­to-Grosso-Tra­di­tion: Stilis­tisch set­zen sie auf am Vio­lin­spiel ori­en­tierte Solopas­sagen und Kaden­zen mit Dreik­lang­shar­monik; das viel­teilige nord­deutsche Prae­ludi­um entwick­elt sich wie bei Vin­cent Lübeck und Georg Böhm in Rich­tung ein­er bipo­laren Satzan­lage mit ein­er Mon­u­men­talfuge statt mehrerer Can­zonet­ten-Fugen und mit einem Toc­caten­schluss. Die Prae­lu­di­en Sax­ers dage­gen sind groß angelegte, drama­tis­che und spiel­tech­nisch anspruchsvolle Werke.
Sub­stanziell begeg­net der Zu­hörer dieses Reper­toires ins­ge­samt einem vor­wiegend (weit­ge­hend) be­langlosen vir­tu­osen Feuer­w­erk, das nichts­destotrotz so ein­drucksvoll in­szeniert ist, dass man sich sein­er Wirkung let­ztlich kaum entziehen kann. Dazu trägt auch die klangge­waltige Schnit­ger-Orgel von Zwolle bei, die hier – ein­mal mehr! – sehr gut klingt, aber auf­grund ihrer Restau­rierungs- oder bess­er Umbaugeschichte nur noch wenig Pati­na eines „echt­en“ his­torischen Instru­ments hat.
Manuel Tomadin gibt die Stücke kom­pe­tent und bril­lant wieder. Auch ist seine Kom­pe­tenz in Sachen Stilis­tik und his­torisch­er Auf­führung­sprax­is nicht zu über­hören. Dass hier unter den gegebe­nen Voraus­set­zun­gen in erster Lin­ie Vir­tu­osität, dif­feren­zierte Organo-Pleno-Klänge und Freude am Musizieren gefragt sind, ver­ste­ht sich (fast) von selb­st. Insoweit meis­tert Tomadin diese Her­aus­forderung her­vor­ra­gend, man kann sich die CD mit großem Genuss anhören. Die Höhep­unk­te der Ein­spielung sind Druck­en­müllers Prae­ludi­um und Cia­cona in D sowie sein Con­cer­to in A; aber auch das eine oder andere Prae­ludi­um Sax­ers wirkt apart.
Sucht man nach dem Pro­fil des Inter­pre­ten Manuel Tomadin, wird es merk­lich unein­deutiger. Die herbe Melan­cholie von Erichs Choralvor­spiel „Allein zu dir, Herr Jesu Christ“ will gar nicht erst aufkom­men. Die langsamen Sätze der Dru­ckenmüller’schen Con­cer­ti wer­den durch­weg aus­drucksvoll vor­ge­tra­gen, doch daneben ste­hen in anderen Zusam­men­hän­gen nicht aus­ge­spielte Vor- und Nach-Apos­tro­phierun­gen oder ver­schenk­te Möglichkeit­en, Final-Floskeln aufzubauen und entsprechend wirkungsvoll auszuführen. Ins­ge­samt gewin­nen so Vir­tu­osität und auf­führung­sprak­tis­ches Kön­nen die Ober­hand über rhetorisches Gestal­ten. Die Auf­nah­me emp­fiehlt sich ins­ge­samt als hörenswert!

Wol­fram Syré