Gabrieli, Andrea (1532/33-85)

Complete Keyboard Music

Verlag/Label: 6 CDs, Brilliant Classics 94432 (2015)
erschienen in: organ 2015/04 , Seite 54

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Von den bei­den Gabrielis ist Gio­van­ni wohl der Bekan­ntere, schon allein deshalb, da sein hohes Anse­hen damals noch heller über Venedig hin­aus ges­trahlt hat und er zum Lehrmeis­ter auch für viele aus­ländis­che Musik­er gewor­den war, die hier ihr kom­pos­i­torisches Rüstzeug erwar­ben. So etwa Hein­rich Schütz, der von 1609 bis kurz nach Gio­van­nis Tod (1612) dort drei Jahre ver­bracht hat. Gio­van­ni war es auch, der die bis dahin unveröf­fentlichte Orgel­musik seines Onkels und Lehrers Andrea nach dessen Tod im Jahr 1585 in den Fol­ge­jahren in Druck gegeben hat. Bei­de Gabrielis wirk­ten nach vorheri­gen anderen Posi­tio­nen schließlich als Organ­is­ten am Markus­dom in Venedig, wo sie, Andrea wie Gio­van­ni, die mehrchörige Kir­chenmu­sik weit­er entwick­elt und zu größter Pracht­entfaltung gebracht haben. Doch die Orgel­musik spielte deshalb keine unter­ge­ord­nete Rolle: Jet­zt hat der ital­ienis­che Organ­ist Rober­to Loreg­gian das gesamte Kon­vo­lut der Tas­ten­musik Andrea Gabrielis auf sechs CDs vorgelegt.
Hier­bei han­delt es sich ein­mal um Into­na­tioni, gle­ich­sam freie Impro­vi­sa­tio­nen mit vir­tu­os­er, akko­rdisch gestützter Melodi­es­timme, zum anderen um auskom­ponierte und einem streng gehand­habten Kon­trapunkt unter­wor­fene Ricer­cari, doch es find­en sich unter der Orgel- und Tas­ten­musik Andrea Gabrielis auch Mis­chfor­men wie die Toc­cate, die impro­visatorische Vir­tu­osität und Imi­ta­tions­for­men abschnittsweise in Ein­klang brin­gen, und es zählen zu den hin­ter­lasse­nen Werken Andrea Gabrielis auch drei Orgelmessen und eine nicht geringe Zahl an Intavolierun­gen von Can­zo­nen und Madri­galen. Diese vielfälti­gen For­men beweisen die enorme musikalis­che Band­bre­ite des Kom­pon­is­ten. Allen diesen Werken gemein ist ein ver­gle­ich­sweise hoher vir­tu­os­er Anspruch, da Gabrieli zumeist eine der Stim­men mit ein­er ger­adewegs über­bor­den­den Verzierung­stech­nik her­aushebt. Beson­ders zum Tra­gen kommt dies naturgemäß in den weniger streng gear­beit­eten Stück­en; die kom­plex struk­turi­erten Ricer­cari erweisen sich hier­von nicht ganz so überze­ich­net.
An diese kontrapunk­tische Architek­tur geht Rober­to Loreg­gian mit Ernst und Bedächtigkeit her­an, und er ver­ste­ht dabei immer, die gesamte Anlage des Stücks im Auge zu behal­ten und nicht nur vom Augen­blick her das spielerische Ele­ment her­auszus­tre­ichen. Ohne jede Über­erre­gung zeigen sich hier auch die kolo­ri­erten Stim­men in den Gesamtver­bund der Stim­men gle­ich­sam ‚pass­ge­nau‘ einge­bun­den. Doch auch in den freieren For­men weiß Loreg­gian deren kun­stvoll gear­beit­ete enorme Bewe­gungsen­ergie der Kolo­rierung rel­a­tiv planer­isch anzuge­hen und das qua­si frei impro­visierte Movens zugun­sten ein­er ord­nen­den Über­schaubarkeit etwas zurück­zu­drän­gen.
Loreg­gian wählt auf der kür­zlich gewis­senhaft restau­ri­erten Orgel im Dom von Val­va­sone, dem einzi­gen erhal­te­nen venezian­is­chen Instru­ment aus dem 16. Jahrhun­dert, Reg­is­ter­far­ben, die eine abwech­slungsre­iche Fülle brin­gen. In Gabrielis Orgelmessen wird er unter­stützt durch die Schola Gre­go­ri­ana Scrip­to­ria, die allerd­ings recht uncharak­ter­is­tisch und kraft­los agiert.

Thomas Bopp