Jean Guillou: Organ Works, Vol. 2, sowie Bearbeitungen von Werken W. A. Mozarts

Colours and Shadows

Zuzana Ferjenčíková an der Detlef Kleuker-Orgel der Kirche Notre-Dame des Grâces du Chant d’Oiseau in Brüssel und der Danion-Gonzalez/Dargassies/Klais-Orgel der Kathe­drale Notre-Dame de la Treille in Lille (Frankreich)

Verlag/Label: 2 SACDs, Aeolus AE-11501 (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/02 , Seite 61

Mit dem zweiten Teil der Gesamteinspielung der Orgelwerke von Jean Guillou (1930–2019) legt das Label Aeolus wieder einen Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte des Pariser Großmeisters vor. Zuzana Ferjen­čí­ková, Meisterschülerin von Guillou, vermag uns wiederum mit Kompositionen und Bearbeitungen des unkonventionellen Maîtres von Saint-Eustache wahrhaft in den Bann zu schlagen. Die beiden Super Audio-CDs sind in Stereo und Multichannel-Surround-Qualität aufgenommenen.
Schon im Jugendwerk op. 3, den 18 Variationen, hat Guillou seine eigenständige Künstlerpersönlichkeit entwickelt, indem er Stileinflüsse seines Lehrers Marcel Dupré mit Inspirationen anderer musikalischer Vorbilder wie Bartók, Strawinsky und Prokofjew als ineinander übergehende Charaktervariationen entfaltet. Mit den Jeux d’orgues, op. 34, aus den 1980er Jahren liegt hier eine Weltersteinspielung des gesamten Werks vor. Zuzana Ferjenčíková benutzt hier eine bisher unentdeckte, im Verlagsbesitz befindliche Reinschrift. Die Stücke sind mit den Namen einzelner Orgelregister betitelt, die durch evozierende Adjektive die vom Komponisten intendierte Charakteristik kennzeichnen. Das kurze Stück Chamades!, op. 41, folgt derselben Intention.
Für die erste CD dieses Albums hat die Interpretin erneut ein Instrument ausgewählt, das eine besondere Verbindung zum Komponisten hat: die Kleuker-Orgel in der Kirche Notre-Dame des Grâces du Chant d’Oiseau (1981) in Woluwe Saint-Pierre (Brüssel), die in den Jahren 1979–81 gebaut wurde – entworfen von Jean Guillou nach seinem eigenen Klangideal. Mit ihren „nur“ 46 Registern auf vier Manualen und Pedal klingt sie noch heute mit ihrer frischen Direktheit sehr überzeugend und zupackend in dem großen Kirchenraum.
Die zweite CD wurde an der Da­nion-Gonzalez-Orgel in der Kathedrale Notre-Dame de la Treille in Lille (Nordfrankreich) aufgenom­men, die bis 2007 als Rundfunkorgel im berühmten Studio 104 (heute „Salle Olivier Messiaen“) der „Maison de la Radio“ in Paris gedient hatte. Guillou hatte dort oft Konzerte gespielt. Nachdem das Instrument von der Firma Klais nach Lille verlegt worden war, gab Jean Guillou 2008 auch das Einweihungskonzert am neuen Standort.
Die neoklassizistische Riesenorgel, 1957–66 nach Plänen von Gas­ton Litaize gebaut, erstreckt sich nun im neuen Gewand über eine Höhe von zwanzig Metern verteilt im Kirchenraum; sie wirkt akustisch durch ihren enormen Reichtum an Mixturen und Aliquotstimmen ganz anders, rauschhafter und weniger klar als die Kleuker-Orgel. Auch Verstimmungen bei Registerwechseln, entweder durch Temperaturunterschiede der in unterschiedlichen Höhen aufgestellten Teilwerke oder durch Probleme der Regis­ter­steuerung verursacht, fallen auf.
Les Chants de Selma, op. 23, geht auf eine Improvisation Guillous aus dem Jahr 1968 zurück, die als Hommage an die Besatzung der Apollo 8 gedacht war, die im Rahmen des ersten bemannten Flugs zum Mond diesen umrundete. Guillou notierte seine Improvisation in den folgenden Jahren und arbeitete sie immer wieder um. In der neuen Version bezieht sich Guillou auf die Gesänge Ossians, die James Mac­pherson (1736–96), schottischer Dichter, Schriftsteller und Politiker, verfasst hatte; es sollten Gesänge eines keltischen Kriegerbarden aus dem 3. Jahrhundert sein.
Säya ou l’Oiseau bleu, op. 50, entsprang ebenfalls einer Improvisa­tion, diesmal über ein traditionelles korea­nisches Volkslied. Einen groß­artigen Höhepunkt bildet die Erstaufnahme von Macbeth, le Lai de l’ombre, op. 84, einer 17-teiligen Schauspielmusik zu ausgewählten Handlungsfolgen aus Shakespeares gleichnamigem Drama. Auch dieses Opus liegt hier in einer von der Interpretin aus Handschriften rekonstruierten Urfassung vor. Solche Ergebnisse können natürlich nur durch die ungemein enge, tiefgehende Zusammenarbeit von Zuzana Ferjenčíková und Jean Guillou entstanden sein und sind daher umso bemerkenswerter.
Auf den beiden CDs ist auch den hochvirtuosen Mozart-Bearbeitungen und -Transkriptionen von Jean Guillou zu lauschen: von Wolfgang Amadeus Mozarts Kammermusikwerken Adagio und Rondo c-Moll, KV 617, und Adagio und Fuge c-Moll, KV 546.
Zuzana Ferjenčíková ist absolut zu bewundern: Sie packt die teilweise extrem komplizierte Musik Guillous mit einer Selbstverständlichkeit und hochexpressiven Musikalität an, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Sinnlich, dramatisch, ergreifend und dann wieder poetisch, dabei immer am Puls der Musik! Ihre fundierten und gut verständlichen Texte zu den einzelnen Werken sind für den Hörer eine große Hilfe, sich in die Klangsprache des Pariser Meisters einzufinden; ebenso hervorragend und informativ sind die Beschreibungen der Instrumente und die Bebilderung. Die Aufnahme selbst ist ebenfalls in technischer Hinsicht eine Meisterleitung, klar und doch mit einem wohltuenden Raumklang eingefangen. Insgesamt eine Veröffentlichung, wie man sie sich nur wünschen kann!

Stefan Kagl

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