Bach, Johann Sebastian

Clavier-Übung III

Verlag/Label: Metronome MET?CD 1094 (2016)
erschienen in: organ 2016/03 , Seite 55

4 von 5 Pfeifen

Wie oft ist Bachs „Orgelmesse“ in der Ver­gan­gen­heit einge­spielt wor­den. Und doch erlebt man bei gewis­sen Neuauf­nah­men immer wieder Über­raschun­gen, lassen Kün­stler den uner­gründlichen Reich­tum eines der­ar­ti­gen „Chef d’œuvre“ ganz neu aufleben – so auch James John­stone. Die Beson­der­heit begin­nt mit der Wahl des Instru­ments von Joachim Wag­n­er im Dom zu Trond­heim. Die mit­tel­große Orgel präsen­tiert sich in einem prächti­gen Klang­far­benge­wand; strahlende Plenum-Reg­istrierun­gen wech­seln sich mit charak­ter­vollen Einzel­stim­men ab, und alles ist bei dieser doch teil­weise sehr kom­plex­en Musik stets plas­tisch durch­hör­bar. Die Orgel besitzt zudem unglaublich schöne und sta­bile Ped­alzun­gen. Sie ste­ht etwa einen hal­ben Ton höher als „nor­mal“ und kommt daher den Instru­menten in Bachs his­torischem Umfeld nahe. Die Wer­ck­meis­ter-Tem­per­atur macht die ohne­hin span­nen­den har­monis­chen Abläufe noch inten­siv­er erleb­bar.
John­stone begin­nt das eröff­nende Präludi­um grav­itätisch, aber lebendig, dif­feren­ziert die Länge der Auf­tak­t­noten und spielt über­haupt mit ein­er sehr fein­füh­li­gen Agogik. Grund­sät­zlich sind seine Tem­pi, der poly­pho­nen Struk­tur der Musik an­gemessen, sehr ruhig, was der Rezep­tion der Infor­ma­tions­fülle Bach’-scher Musik ent­ge­genkommt. Die Spiel­weise des großen Choralvor­spiels „Vater unser im Him­mel­re­ich“ kön­nte man in diesem Zusam­men­hang fast als „abgek­lärt“ beze­ich­nen. Ander­er­seits set­zt John­stone mit manchen Inter­pre­ta­tio­nen regel­recht vir­tuose Kon­tra­punk­te, etwa bei den Ped­aliter-Fas­sun­gen von „Christ, unser Herr, zum Jor­dan kam“ und noch mehr bei „Jesus Chris­tus, unser Hei­land“, fast atem­ber­aubend gespielt, aber keines­falls atem­los oder gehet­zt. Beim Anhören aller Teile des Mon­u­men­tal­w­erks wird einem auch bewusst, welche Pre­tiosen die wesentlich sel­tener gespiel­ten Man­u­aliter-Fas­sun­gen (die soge­nan­nte „Kleine Orgelmesse“) darstellen, die lei­der zumeist im Schat­ten der großen „Geschwis­ter“ ste­hen.
Über die vier Duette und ihre Stel­lung in der und Zuge­hörigkeit zur „Orgelmesse“ über­haupt wurde schon viel disku­tiert. Ob es nun Ele­mente zur Kom­plet­tierung der Gesamt­summe aller Teile zur Zahl 33 als Sym­bol der Trinität sind und/ oder sie als tonartlich auf­steigende Brücke fungieren zwi­schen dem let­zten Choralvor­spiel zum Anfang der Fuge hin, das sei ein­mal dahingestellt … John­stone inter­pretiert sie sehr lebendig mit kam­mer­musikalis­chem Touch, und man hat keines­falls das Gefühl, dass es sich dabei um „Fremd­kör­p­er“ im Gesamtkom­plex han­deln würde.
Bei der abschließen­den „Trinitäts-Fuge“ kann man bezüglich der Tem­pore­la­tio­nen auch zu anderen Ergeb­nis­sen kom­men. Der Inter­pret spielt alle drei Fugen in einem zügi­gen Grund­puls durch; man hat sog­ar den Ein­druck, als würde die Lebendigkeit bei jedem Tak­twech­sel etwas an Inten­sität zunehmen.
Alles in allem eine aus­geze­ich­nete und mit Freude anzuhörende Auf­nahme. Auch das äußere Erschei­n­ungs­bild der CD präsen­tiert sich ansprechend; einziger klein­er Wer­mut­stropfen ist, dass die lesenswerten Texte nur auf Englisch abge­druckt sind.

Chris­t­ian von Blohn