Choraltrios für Orgel

Im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland hg. von Ulrich Cyganek

Verlag/Label: Strube Edition VS 3573
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/03 , Seite 60

Auch wenn im Wikipedia-Artikel „Trio (Musik)“ die „barocke Triosonate“ kurz erwäh­nt wird, so gibt er kein­er­lei erhel­lende Erk­lärung darüber, was in den bei­den vor­liegen­den Note­naus­gaben an Musik („Trios“) ange­boten wer­den kön­nte. Tat­säch­lich ist dieser spezielle Trio-Begriff nur im Bere­ich der Orgel­musik dadurch vorstell­bar, dass eine einzelne Per­son auf drei ver­schiede­nen Orgel­w­erken (zwei Man­uale und Ped­al) allein ein dreis­tim­miges klan­glich aus­d­if­feren­ziertes Musik­stück dar­bi­eten kann.
Mit den bei­den Bän­den ist dem Her­aus­ge­ber Ulrich Cyganek ein großer Wurf gelun­gen, der das Gebi­et „Trio“ weiträu­mig durch­schre­it­et. Ein­er­seits ver­ste­ht er Trio im engeren Sinn als einen dreis­tim­mi­gen Satz, ander­er­seits als das, was Organ­is­ten als „tri­omäßig“ beze­ich­nen, das gle­ichzeit­ige (nicht immer nur dreis­tim­mige) Spiel auf zwei Man­ualen und Pedal.
Bei­de Bände sind für „die Anfangsphase der Orge­laus­bil­dung“ gedacht, denn, so Cyganek, das „Trio-Spiel auf der Orgel gehört seit jeher zu den Grund­la­gen des Orgel­spiels“. So sollen die Sätze als Beispiele dienen, um „musikalis­che Aus­drucksmöglichkeit­en mit ‚nur‘ drei Stim­men“ ken­nen­zuler­nen und zur „‚spielerischen‘ Inspi­ra­tion für eigene Schöp­fun­gen in diesem Genre“ anzure­gen. Let­ztlich sind sie aber so angelegt, dass sie auch die „musikalis­che Gottes­di­en­st­gestal­tung“ bere­ich­ern können.
In den 55 Choral­trios wird genau das Lied-Reper­toire ange­boten, das ein Organ­ist immer wieder benötigt – qua­si ein Grundbe­stand an Liedern, die häu­fig gesun­gen wer­den. Zu jedem der Lieder gibt es min­destens eine Into­na­tion und einen Begleit­satz. Die Klan­glichkeit der Sätze ist weitest­ge­hend brav har­monisch. Nicht alle Sätze wer­den in der Tonart des Evan­ge­lis­chen Gesang­buchs angeboten.
Die grundle­gend­ste Form der Begleit­sätze bietet eine ein­fache Dreis­tim­migkeit (jede Hand eine Stimme, eine Stimme im Ped­al), die dur­chaus auch auf einem Man­u­al und Ped­al dargestellt wer­den kann. Alle anderen Satz­typen sind tri­omäßig zu ver­ste­hen. Der can­tus fir­mus liegt in den meis­ten Sätzen im Sopran; er kann aber auch in den anderen Stim­men erscheinen, gar wie in EG 516 durch alle Stim­men wan­dern. Dieser lichte Satz­typ ist für die Gemeinde durch die klare Lin­ien­führung des can­tus fir­mus ge­sanglich sehr angenehm und hilfreich.
Die Mit­tel­stimme kann in der Alt- oder Tenor­lage geführt wer­den, gele­gentlich auch ein 2. Sopran sein. Dadurch ergeben sich vielfältige, inter­es­sante Kom­bi­na­tions- und Klang­möglichkeit­en. Bei­de Neben­stim­men bieten ein weites Spek­trum von ein­fachen Ton­leit­er­be­we­gun­gen oder har­monis­chen Füll­noten bis hin zu Par­al­le­len, motivis­ch­er Arbeit, Imi­ta­tion und eigen­ständi­gen Kontrapunkten.
Cyganek sieht die Choral­trios, bei denen der „didak­tis­che Ansatz der Stücke im Vorder­grund ste­ht“ auch als eine Edi­tion, die „im Selb­st­studi­um“ Ver­wen­dung find­en kann; da­für sind ihr Fin­ger- und Fußsätze beigegeben. Hier liegt aber die große Schwach­stelle der Edi­tion. Der Anfänger im Orgel­spiel hat erfahrungs­gemäß zumeist nicht die Fähigkeit­en, um Satzstruk­turen und stilis­tis­che Ideen selb­st­ständig schnell zu analysieren und die Bin­nen­struk­turen zu verstehen.
Einige erk­lärende Zeilen zur Musik, zu Satztech­niken, zu Regis­trie­rungsmöglichkeiten u. ä. hät­ten das 14-zeilige Vor­wort sin­nvoll ergänzt. Auch äußerst spär­liche Auf­führung­sh­in­weise in den Noten helfen wenig. Wenn in EG 302 die Into­na­tion im Ped­al auf einem h endet und der Begleit­satz im Noten­text fünf Zen­time­ter daneben auf dem­sel­ben Ton begin­nt, zu kom­men­tieren „Spiel­po­si­tion des Fußes beibehal­ten“, ist unnötig. Dafür ist bei den arpeg­gierten Akko­r­den in EG 147 der fehlende Hin­weis darauf, was hier musikalisch gewün­scht wird (Motiv oder Klang), eigentlich uner­lässlich. All das schmälert aber nicht die her­vor­ra­gende Edi­tion musikalisch.

Knapp zwei Jahre später ist in den 33 Trios dieses textliche Manko voll­ständig und bre­it aufgestellt aus­geglichen. Ein ganz­seit­iges Vor­wort des Her­aus­ge­bers betra­chtet und beleuchtet das The­ma „Trio“ von aller­lei Seit­en. Dazu kom­men am Ende des Noten­ban­des drei Seit­en Erk­lärun­gen der einzel­nen Kom­pon­is­ten, die einen kleinen Ein­blick in ihre Stücke geben – wun­der­bar und äußerst hil­fre­ich! Braucht man die Kurzviten der Kom­pon­is­ten? Es mag ver­wun­dern, aber sie haben alle (!) Orgel studiert und sind haup­tamtliche Kirchen­musik­er in ein­er Gemeinde.
Die stilis­tis­che Band­bre­ite der über­wiegend nicht can­tus fir­mus-gebun­de­nen 33 Trios ist groß: Rag, Sam­ba, Blues und Dix­i­land begeg­nen dem eigentlich litur­gis­chen Instru­ment. Einem 7er-Takt „wohnt ein Schwung inne, den unsere gewohn­ten Tak­tarten nicht haben“. Keck heißt ein Stück; in einem anderen wird der gelehri­gen Schüler zum „Orgelüben!“ aufge­fordert, wo­bei dort dann gefordert wird: „Diese Stelle gerne so spie­len, als sähe man sie das erste Mal!“ So find­et man in diesem Band neben klas­sisch Erns­tem viel Musik, die mit einem Augen­zwinkern dargestellt wer­den mag.

Bei­de Bände ver­di­enen eine große Aufmerk­samkeit, denn sie bieten reich­haltig gut ein­set­zbare Musik für Unter­richt, Gottes­di­enst und Konz­ert. Dabei sollte sich kein alteinge­sessen­er Organ­ist zu fein sein, zu diesen „ein­fachen“ Sätzen zu greifen: Sie bere­ich­ern in ihrer Klarheit und Durch­hör­barkeit die Klang- und Hör­erfahrun­gen der Gemeinden.

Ralf-Thomas Lind­ner