Cameron Carpenter – Revolutionary

Stücke von J. S. Bach, Frédéric Chopin, Franz Liszt, Georges Bizet, Marcel Dupré, Jeanne Demessieux, Duke Ellington und Cameron Carpenter

Verlag/Label: Telarc CD-8071
erschienen in: organ 2012/02 , Seite 55

1 von 5 Pfeifen

Hier ist alles pure Selb­st­darstel­lung: die Wahl des Instru­ments (eine elek­tro­n­is­che „Riesenorgel“ ohne Pfeifen), der Stücke (Tran­skrip­tio­nen und Bear­beitun­gen pop­ulär­er und vir­tu­os­er Werke, eigene Kom­po­si­tio­nen), der auf sin­n­freie Effek­thascherei aus­gerichtete Inter­pre­ta­tion­sstil und nicht zulet­zt das auss­chließlich englis­chsprachige Book­let, das den 1981 gebore­nen jun­gen Kün­stler zum Pop­star der Orgel sti­lisiert, dessen syn­thetisch erzeugter Ruhm von den USA nun offen­sichtlich auch ins „alte Europa“ herüber­schwappt.
Was man anerken­nen muss: Hier set­zt ein auf seine Art kom­pro­miss­los­er Musik­er einen (mit gesam­pel­ten Orgelk­län­gen gefüt­terten) Syn­the­siz­er mit unkon­ven­tionell-erfrischen­der Vital­ität in Szene, allerd­ings fast völ­lig frei von „kirchen­musikalis­chen“ Prä­gun­gen – nur J. S. Bachs hier ziem­lich lieb­los inter­pretiert­er Leipziger Choral „Nun komm der Hei­den Hei­land“ lässt noch einen vagen Bezug zu alten europäis­chen Orgel­tra­di­tio­nen assozi­ieren.
Doch lassen sich die unnatür­lichen Klänge und die selb­stver­liebte Attitüde des Spiel­ers in ihrer unverän­der­lich-monot­o­nen Aufdring­lichkeit kaum auf die gesamte Stre­cke von 64 1/2 Minuten Spiel­d­auer aushal­ten. Selb­st wenn man die uner­müdliche Pow­er und offensicht­liche Büh­nen­präsenz dieses Tas­ten-Domp­teurs anerken­nt – auf­grund der klan­glichen und emo­tionalen Ober­fläch­lichkeit bleibt diese Art der Musik­darstel­lung ein skur­riles Kurio­sum, das man aber gerne für die eine oder andere Gele­gen­heit in seinem CD-Regal bere­i­thält …
Gle­ich­es emp­fiehlt er auch allen Organ­istIn­nen, die bere­it sind, sich hin und wieder von diesem auf­streben­den „Kol­le­gen“ den Staub aus den virtuellen Orgelpfeifen wirbeln zu lassen. Dafür eignen sich schon die ersten Stücke dieser CD: Car­pen­ter spielt auf „sein­er“ Orgel mit Verve die berühmte Rev­o­lu­tion­setüde (Rev­o­lu­tion­ary) von Frédéric Chopin (orig­i­nal für Klavier, Nr. 12 aus op. 10) und gle­ich danach seine recht eigen­willige Inter­pre­ta­tion der J. S. Bach zugeschriebe­nen berüchtigten Toc­ca­ta und Fuge d-Moll (BWV 565) unter dem Label Evo­lu­tion­ary. Es fol­gt der (von Car­pen­ter arrengierte) Ever­green Soli­tude von Duke Elling­ton, und dann wieder ein Pfeifenorgel­stück: Octaves aus Six Études von Jeanne Demessieux. Wirk­lich erstaunlich ist die Tran­skrip­tion des Mephis­to-Walz­ers Nr. 1 von Liszt, eher seicht und gewöhn­lich dage­gen Car­pen­ters Love Song Nr. 1. Für Mar­cel Duprés Pre­lude and Fugue in B Major op. 7.1 wün­schte man sich doch drin­gend eine „echte“ Orgel in einem Raum, der die Car­il­lon-Effek­te akustisch unter­stützt; die Adap­tion von Chopins Étude in C Major op. 10 Nr. 1 (mit  beglei­t­en­den, san­ft aus­ge­hal­te­nen Akko­r­den im Hin­ter­grund anstelle des Klavierpedal-Effek­ts) überzeugt dage­gen am Ende. Die Car­pen­ter-Bear­beitung der Bear­beitung (Vari­a­tio­nen für Klavier von Vladimir Horowitz) von Bizets Car­men ist in ihrer motorisch zur Schau gestell­ten Vir­tu­osität dur­chaus beein­druck­end, aber gle­ichzeit­ig auch in ihrer pen­e­tran­ten Ner­vosität unpassend und über­flüs­sig. Ähn­lich­es gilt für Car­pen­ters Homage to Klaus Kin­s­ki.

Torsten Laux