Orgelfassung von Gerd Schaller

Bruckner 9 for organ

Gerd Schaller an der Eisenbarth-Orgel der ehemaligen Zister­zienserabteikirche Ebrach

Verlag/Label: 2 CDs, Profil, PH21010 (2021)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/04 , Seite 52

Vor­weg ein Eingeständ­nis: Der Rezensent wird immer etwas nervös, wenn es um Orgel­bear­beitun­gen von Bruck­n­ers Sin­fonien geht. Deren oft behauptete Orgel­nähe ist frag­würdig; und der daraus abgeleit­ete Anstoß, sie auf die Orgel zu über­tra­gen, kann sehr lange und frus­trie­rende Hör­erfahrun­gen nach sich ziehen, han­delt es sich doch um Musik, deren Vor­bilder Beethoven und Wag­n­er nicht viel mit der Orgel im Sinn hatten. [„,]

Der Diri­gent und Organ­ist Gerd Schaller dage­gen nimmt einen kon­trären Weg. Er hat seine Bear­beitung der 9. Sin­fonie an der Haup­torgel der Stift­skirche Ebrach einge­spielt. Hier trifft eine süd­deutsch-barocke Schicht (Johann Philipp Seuf­fert, 1742/43) auf eine spätro­man­tis­che (Stein­mey­er 1901/02) und eine mod­erne Schicht (Eisen­barth 1984).
Schaller wählt für seine Trans­kription kon­se­quenter­weise orgel­spez­i­fis­che Klang­grup­pen und Kon­traste, um Bruck­n­ers Form­bau nachzuze­ich­nen; dabei zielt er eher auf klärende Gliederung als darauf, Orch­ester­far­ben nachzuah­men. Er artikuliert gewis­senhaft, wählt mäßige Tem­pi und reduziert Klang­bal­lun­gen aufs Wesentliche. Das Instru­ment betont mit seinem neo­barock-geschärften Pro­fil rhyth­mis­che und har­monis­che Härten.
Schaller beruft sich in seinem Kom­men­tar (D/E) auf zwei Ziele: dass das Ergeb­nis Orgel­stück sei, nicht Orch­ester-Nachah­mung, und dass dabei die „Essenz“ der Sin­fonie beson­ders zur Gel­tung käme. Nun ist auch die räum­lich-ton­räum­liche Schich­tung des Bruck­n­er-Orch­esters wesentlich für diesen sin­fonis­chen Son­der­weg. Bei Schaller führt die Reduk­tion des Satzes zu holzschnit­thaften Härten, zur Beto­nung des Block­haften gegenüber ein­er sin­gen­den Orch­ester­poly­phonie, wie Bruck­n­ers Ton­satz sie in der Neun­ten fordert. Deut­lich wird dage­gen, etwa im Scher­zo, Bruck­n­ers unge­hemmtes rhyth­mis­ches Toben. Nicht mit Pfeifen­klän­gen abzu­bilden ist allerd­ings die unver­wech­sel­bare Stre­ich­er-Glut­farbe, die dem Ada­gio-Beginn seine Span­nung ver­lei­ht. Schallers eigene Rekon­struk­tion des Finales, die er hier als Tran­skrip­tion mit anbi­etet, kann sich an der Strin­genz der von Bruck­n­er vol­len­de­ten Sätze nicht messen.

Damit bleibt die Frage: An wen richt­en sich solche Bear­beitun­gen? Bruck­n­er-Jünger wer­den stets die Erre­gungs­bö­gen des Orch­esters ver­mis­sen, die Stre­ich­er- und Horn­sätze, die expres­siv­en Soli und dif­feren­zierten Ensem­bles. Die Fre­unde von Orge­lauf­nah­men dage­gen dür­fen reich­es Far­ben­spiel, drastis­che Aus­brüche und unge­brem­ste Mon­u­men­tal­ität erwarten, von großen, berühmten oder auch – Bruck­n­er­haus Linz – ganz neuen Instru­menten. Und das ohne die Kom­plex­itäts­grade von Bach und Reger oder die vorgeze­ich­neten Klang­wege franzö­sis­ch­er Sin­fonik. Diese Hör­er dürften hier auf ihre Kosten kom­men – stundenlang.
Friedrich Sprondel