Antonín Dvorák

Biblische Lieder für Singstimme und Klavier op. 99 für Singstimme und Orgel

bearbeitet von Klaus Uwe Ludwig

Verlag/Label: Edition Breitkopf 8839
erschienen in: organ 2017/04 , Seite 60

Die tschechis­che Sprache mag hierzu­lande manchem als „Böh­mis­ches Dorf“ erscheinen, weist sie doch im Ver­gle­ich zum Deutschen nicht allein eine erhe­bliche Anhäu­fung von Kon­so­nan­ten auf, nein, es gibt sog­ar reg­uläre Wörter, die phonetisch ohne einen einzi­gen Vokal auskom­men. Eine Tat­sache also, die in Verbindung mit Gesang auf den ersten Blick prob­lema­tisch erscheinen mag. Und doch gibt es ger­ade in dieser tra­di­tion­sre­ichen Kul­tur- und Musikre­gion Europas eine kaum über­schaubare Über­fülle an eingängi­gen kantablen Weisen und eine bre­ite pop­uläre Pflege von Melodie- (beson­ders Blas-) Instru­menten in Volks- und Kun­st­musik wie sel­ten ander­swo, gipfel­nd in dem natio­nalen Kom­pon­is­ten-Dop­pelge­stirn Smetana und Dvorák. Der Nord­deutsche Johannes Brahms sagte über Let­zteren, er habe mehr Ideen als alle anderen Kom­pon­is­tenkol­le­gen zusam­men, so dass sich jed­er andere aus seinen „Abfällen“ noch die Haupt­the­men zusam­men­klauben könne!
Neben den großen geistlichen Werken wie dem Sta­bat Mater, dem Requiem oder auch der volk­stüm­lich anmu­ten­den Messe D-Dur erfreuen sich die Bib­lis­chen Lieder Dvoráks (Opus 99) von jeher großer Beliebtheit. Welch­er Organ­ist oder welche Organ­istin musste nicht schon anlässlich ein­er Trau­ung da­raus etwa den „23. Psalm“ intonieren? Ursprünglich in der Kom­bi­na­tion für Stimme und Klavier geschrieben, instru­men­tierte Dvorák später fünf Teile davon für Orches­ter. Unter der Fülle von Bear­beitun­gen für Orgel und Gesangsstimme ragt vor allen die Borne­feld-Aus­gabe von 1956 her­aus. Allerd­ings bear­beit­ete Hel­mut Borne­feld nur sechs der ins­ge­samt zehn Lieder, und die Reg­istri­er­an­weisun­gen entsprechen doch eher einem orgel­be­wegten, ge­wiss weniger dem (spät-)romantischen Klangide­al; zudem ori­en­tiert sich die deutsche Über­set­zung sprachrhyth­misch nicht sehr am Orig­i­nal.
Insofern erscheint die Anschaf­fung der Bib­lis­chen Lieder in der vor­liegen­den Bear­beitung (Bre­itkopf) des Wies­baden­er Kirchen­musik­ers und Organ­is­ten Klaus Uwe Lud­wig eine lohnende Investi­tion. Zum einen sind hier alle zehn Lieder bear­beit­et wor­den, wobei Lud­wig von spez­i­fis­chen Reg­istri­erangaben von vorne­here­in absieht, die von Dvorák selb­st intendierte Dynamik aber im Noten­text berück­sichtigt, so dass jed­er Inter­pret sein Instru­ment indi­vidu­ell danach aus- bzw. ein­richt­en kann. Zum anderen schlägt hier vor allem die näher am sprach­lichen Orig­i­nal ori­en­tierte Über­set­zung pos­i­tiv zu Buche. Außer­dem ist dem deutschen Text der tschechis­che unter­legt, so dass man stets ver­gle­ichen und sich eventuell gar ans tschechis­che Orig­i­nal wagen kann. Die im Deutschen bisweilen abwe­ichende Sil­ben­zahl führt zwar auch hier zu (mar­ginalen) rhyth­mis­chen Vari­anten, durch das beige­fügte Orig­i­nal kann man aber die Fak­tur in ihrer Urgestalt erken­nen.
Klaus Uwe Lud­wigs Ein­rich­tung ist organ­is­tisch sin­nvoll trans­formiert und liegt sprich­wörtlich gut in der Hand bzw. in den Füßen, was allerd­ings nicht bedeutet, dass nicht die eine oder andere knif­flige Stelle einiger Übung bedarf. Ursprünglich für Alt bzw. Bari­ton konzip­iert, erschienen die Bib­lis­chen Lieder später auch in ein­er Aus­gabe für hohe Stimme. Lud­wig belässt seine Bear­beitung in den ursprünglichen Tonarten Dvoráks. Der Mühe ein­er eventuellen Trans­po­si­tion nach oben muss man sich deshalb selb­st unterziehen, solange Bre­itkopf dies­bezüglich keine Alter­na­tive anbi­etet. Das Noten­bild ist sehr gut les­bar und über­sichtlich, und auch die äußere Form präsen­tiert sich, wie alle jüngst erschiene­nen Neuaus­gaben der Edi­tion Bre­itkopf, in optisch ansprechen­dem und angenehm les­barem Gewand.

Chris­t­ian von Blohn