August Valentin Rabe

„Benutze nun die Tafeln selbst“

Sammeln, Schreiben, Lehren und Üben mit einem Fundamentum (ca. 1440–1550)

Verlag/Label: Wiener Forum für ältere Musikgeschichte, Band 14, Hollitzer, Wien 2025, 316 S., 70 Euro; auch Open Access
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/04 , Seite 54

Eine Publikation für Forscher und Kenner liefert der Wiener Kulturwissenschaftler August Valentin Rabe mit dieser bewundernswert akribischen, ja minutiösen Fleiß­arbeit eines musikologischen Mediävisten in fast neunzig (!) Kapiteln und Unterkapiteln. „Wer vieles bringt wird manchem etwas bringen; / Und jeder geht zufrieden aus dem Haus“, sagt Goethe im „Vorspiel auf dem Theater“ in Faust I.
Mancher mittelalterliche Musikgelehrte wäre im Dunkel der Geschichte vergessen worden, hätten nicht seine Traktate die Zeit überdauert. Heute sind die Schriften (und nach ihnen komponierte Musikstücke) wichtige Zeugen der Musikhistorie, weil die Harmonielehre des Mittelalters unser heutiges Musikverstehen maßgeblich beeinflusst hat. Natürlich war die Kirche ein wichtiger Akteur in diesem Prozess, mit dem gregorianischen Choral als Schlüsselkomponente. Dessen Harmonisierungstechniken waren bahnbrechend und leiteten den Weg zur mehrstimmigen Musik ein. Die Modaltheorie verbesserte die musikalische Struktur und prägte unser heutiges Verständnis von Harmonie und Melodie. Darüber hinaus bereicherte die arabische Musiktheorie die Harmonielehre mit neuen Konzepten und Techniken und hat bis heute Einfluss auf die moderne Musikpraxis. Die Harmonielehre des Mittelalters geriert damit zur entscheidenden Grundlage der Musikgeschichte.
Die „Fundamenta“ leiten die Geschichte der Instrumentalmusik im deutschsprachigen Raum insofern ein, als sie sich von da an anhand von Musikpublikationen nachweisen lässt. Bislang waren Fundamenta ausschließlich als Lehrwerke der Orgelimprovisation im Bereich der Musiktheorie bekannt. Die umfangreiche Studie Rabes erweitert den bekannten Radius und betrachtet den Forschungsgegenstand aus verschiedenen neuen Blickwinkeln. Einige ausgewählte Kapitelthemen seien nachfolgend sozusagen als tota pro parte nach vorausgehenden Arbeitsthesen zitiert:
II. Geschichten: Forschungs­ansätze & neue Perspektiven / III. Ökologie: Musiziersituationen & Instrumente / IV. Philologie: Quellen & Personen / V. Paläographie: Struktur & Schriftlichkeit / VI. Inhalte: Spieltechniken & verbale Erläuterungen / VII. Gebrauch: Lernen & kreatives Schreiben / VIII. Sachliteratur: Fundamenta & zeitgenössische Schriften.
Neben einer umfassenden kritischen Würdigung der bisherigen, überwiegend philologisch orientierten Forschung gehören dazu interdisziplinär anschlussfähige Theorien und Konzepte der ökologischen Anthropologie, der Kontextualisierung im Rahmen frühneuzeitlicher Sachliteratur sowie aufführungspraktische und musikpädagogische Zugänge. Dabei erweist sich die Konzeption und Verwendung eines Fundamentums als ‚Lehrwerk‘, wie sie die bisherige Forschung meist annahm, als nur eine von mehreren plausiblen Möglichkeiten – neben dem Sammeln, Schreiben, Lehren und Üben.

Wolf Kalipp

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