Bach / Reger

Bach arranged by Reger

Toccatas 910–916

Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm, SACD, MDG 9491981-6 (2016)
erschienen in: organ 2017/01 , Seite 56

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Begrün­dete Ver­mu­tun­gen wie auch einge­hen­dere Unter­suchun­gen leg­en nahe, dass die Toc­cat­en BWV 910–916 etwa in der Zeit von 1707 bis 1713 ent­standen sind, also in der Mühlhausen­er bzw. Weimar­er Epoche Bachs. Die prinzip­iell ped­al­losen, jedoch für clavierte Instru­mente all­ge­mein geschriebe­nen Wer­ke müssen keineswegs dem Cem­ba­lo vor­be­hal­ten bleiben – in manchen Gesam­taus­gaben des Bach’schen Orgel­w­erks sind sie darum voll eingegliedert. Ihre Spiel­d­auer kann mit den meis­ten „großen“ Ped­aliter-Kom­po­si­tio­nen konkur­ri­eren (zwis­chen 8 und etwa 13 Minuten).
Ihre mehrteilige for­male Anlage erin­nert noch an Bux­te­hude, respek­tive seine nord­deutschen Kol­le­gen, an seine „Toc­caten­vari­antenfu­gen“, wie For­menkundler gerne zu sagen pfle­gen. Mehrere Abschnitte wech­seln sich entsprechend kon­trastre­ich ab: Vir­tu­ose Kaskaden mit aus­drucksvollen Ada­gios, aus­mal­ende Rez­i­ta­tive mit ener­gis­chen Fugen, rauschende Läufe mit san­ft-besinnlichen Akko­rd­fol­gen. Bach betreibt hier (noch) nicht die durch­dachte Poly­phonie sein­er bekan­nten Werke; in den Fugen, auch in den nicht streng kon­tra­punk­tisch angelegten Abschnit­ten herrscht eher ein fröh­lich­es Musizieren, das sich gern fort­spin­nt – BWV 910 in fis hat beispiel­sweise fast 200 Tak­te.
Und jet­zt kommt Max Reger ins Spiel, der gle­icher­maßen tra­di­tionsver­bun­dene wie inno­v­a­tive Kom­pon­ist der Postro­man­tik, der Bach stets als leuch­t­en­des Vor­bild pries („Anfang und Ende aller Musik“), der Kom­pon­ist, der die vir­tu­ose Orgel wieder mehr ins Bewusst­sein der (musikalis­chen) Öffentlichkeit rück­te – mit Orgel­w­erken, deren spiel­tech­nis­che Schwierigkeit auch heute noch viele Organ­istIn­nen fürcht­en. Neben seinen rund 150 Opera, die er in seinem kurzen, rast­losen Leben schuf, war Reger auch ein eifriger Bear­beit­er von Werken etlich­er Kol­le­gen vom Barock bis in seine Zeit (etwa Bear­beitun­gen aus Wag­n­ers Ring für zwei Klaviere oder die Ergänzung der Bach’schen zweis­tim­mi­gen Inven­tio­nen zum Trio-Spiel auf der Orgel). Von den sieben Toc­cat­en BWV 910–916 bear­beit­ete Reger fünf für große Orgel. Und da ist man wirk­lich verblüfft: Ist das nun Bach in Regers Frack oder ist das der Oberpfälz­er mit der Perücke des Thomaskan­tors?
Christoph Schoen­er, geboren 1953 in Hei­del­berg, Studi­um in Freiburg im Breis­gau, Kirchen­musikdi­rek­tor in Lev­erkusen, Dozent für Orgel in Düs­sel­dorf sowie Leipzig, Lan­deskirchen­musikdi­rek­tor der Evan­ge­lis­chen Kirche im Rhein­land und seit 1998 am Ham­burg­er Michel, dazu über­re­gion­al gefragter Konz­er­tor­gan­ist, beant­wortet das mit einem Sowohl-als-auch. Die von Reger bear­beit­eten Toc­cat­en spielt er vor­wiegend vom Zen­tral­spieltisch sein­er mon­u­men­tal­en Michel-Orge­lan­lage. Und da klingt es wie ein echter Reger, wenn man von der barock­en Har­monik der Vor­lage absieht (aber auch die ist zuweilen rev­o­lu­tionär und erhebt sich weit über die Musik sein­er Zeit – etwa in der Fugenchro­matik von BWV 910). Schoen­er zieht – wenn man das mal so platt sagen darf – alle Reg­is­ter und fährt die tech­nis­chen Möglichkeit­en voll aus. Da sprühen beson­ders die vir­tu­osen Läufe und die betrieb­samen Fugen voller Lebens­freude und in vollem Saft typ­isch Reger’scher Crescen­di und Dimin­u­en­di, mit roman­tis­ch­er Espres­siv­ität und beseel­tem Vor­trag, ganz wie Reger sich aus­drück­te und es wün­schte. Das macht die zuweilen gehäuften Sequen­zierun­gen und gewisse kom­pos­i­torische Län­gen vergessen, weil alles, vom kleins­ten Pianis­si­mo bis zum kraft­strotzen­den Pleno, aufre­gend und mit viel agogis­chen Frei­heit­en gespielt wird: gle­ich­sam Bach als der forsche Oberpfälz­er.
Sozusagen das Gegengewicht bilden die bei­den Toc­cat­en in e BWV 914 und in G BWV 916, die nicht in Regers Bear­beitung vor­liegen. Hier stellt sich Schoen­er als Arrangeur voll in den Dienst Bachs. Er spielt BWV 914 an der großen Orgel, BWV 916 an der Carl-Phi­lipp-Emanuel-Orgel (II/13), weit weg von Reger’scher Klan­gall­macht, kam­mer­musikalisch mit barock­er Spiel­freude, fil­igra­nen Akko­rd­brechun­gen und zier­lichen Arabesken. Eine grif­fige Ergänzung zu Reger’-scher Opu­lenz.
Das aus­führliche Bei­heft (engl./frz./dt.) ver­rät viel über die Werke und die Absicht­en des Bear­beit­ers, natür­lich auch über den Organ­is­ten und seine unglaublichen Orgelmöglichkeit­en inklu­sive der Bau- und Umbaugeschicht­en neb­st Dis­po­si­tio­nen.
Man kann Christoph Schoen­er zu dieser Auf­nahme und vor allem zur Wahl der Werke in dieser unge­wohn­ten Erschei­n­ungs­form nur grat­ulieren. Neben den unzäh­li­gen Ein­spielun­gen der großen Toc­cat­en, Prae­lu­di­en, Fan­tasien und Fugen war es ein mutiger und nötiger Schritt in ein Ter­rain, das Unge­wohntes – und das noch ein­dringlich und muster­haft erschließt.

Klaus Uwe Lud­wig