Ave Maris Stella

Marianische Orgelmusik im Laufe des liturgischen Jahres

Verlag/Label: Aktivraum AR 80102 (2010)
erschienen in: organ 2010/04 , Seite 55

Bew­er­tung: 2 Pfeifen

Die Marien­verehrung in der (römisch-)katholischen Kirche hat gewiss eine lange Tra­di­tion. Inner­halb der deutschen Orgel­musik­lit­er­atur begeg­net das Sujet indes erst ver­gle­ich­sweise spät. So stam­men die auf dieser CD einge­spiel­ten Werke bis auf zwei Num­mern auch alle­samt aus dem 20. bzw. 21. Jahrhun­dert; in gewiss­er Weise auch ein Anachro­nis­mus, hat man hierzu­lande die im Volks­glauben zuweilen recht bizarre Blüten treibende Marien­verehrung ger­ade von Seit­en der Amt­skirche während der zu­rückliegenden Jahrzehnte auf ein aufgek­lärt nüchternes Maß zurück­geschraubt.
Für jene eher kindlich-naive Marien­verehrung ste­ht auf dieser CD der Köl­ner Kom­pon­ist Carl Sat­tler, der mit zwei Kom­po­si­tio­nen (Fan­tasie op. 5 über „Salve Regi­na“ und Varia­tionen über „Maria Maienköni­gin“ op. 24) vertreten ist. Ist man bere­it, über die häu­fig ziel- und plan­los wirk­enden Irrun­gen des Komponis­ten durch den Quin­ten­zirkel hin­wegzuhören, stolpert der aufmerk­same Leser der Book­let-Kom­mentare aus der Fed­er von Sabine Kreter über die For­mulierung: „Noch heute kom­men viele Organ­is­ten bei der Ein­studierung sein­er Werke ins Schwitzen.“ Haben wir es hier möglicher­weise mit ein­er primär region­al bed­ingten maßlosen Über­schätzung dieses Kom­pon­is­ten zu tun, der allen­falls von lokaler, keineswegs aber von epochaler Bedeu­tung ist?
J. S. Bachs bekan­nte Mag­ni­fi­cat-Bear­beitun­gen (über „Mei­ne Seele erhe­bet den Her­rn“) BWV 648 und 733 lassen sich dage­gen sicher­lich nicht sin­nvoll unter dem pro­gram­ma­tis­chen Titel Mar­i­an­is­che Orgel­musik sub­sum­ieren, auch wenn das Luther­tum eine eigene (bib­lis­che) Tra­di­tion der Marien­verehrung dur­chaus ken­nt. Bachs Deu­tung zielt ein­deutig auf die freudi­ge Erwartung der bevorste­hen­den Ankun­ft „Gottes, meines Hei­lands“. Und doch mag die Musik Bachs auch Pate ges­tanden haben für die übri­gen auf der CD vertrete­nen Kom­pon­is­ten Her­mann Schroed­er (Ave Regi­na Caelo­rum), Robert M. Helm­schrott (Drei Choralvor­spiele zu Marien­liedern) und Thomas Mey­er-Fiebig (Ave Maris Stel­la). Diesen Stück­en man­gelt es – wie der Musik Bachs – näm­lich an jed­er Anmu­tung von „Weihrauchgeruch“. Dies mag zwar dazu beitra­gen, die zuweilen recht schwül­stig erscheinen­den Texte zu „ent­fet­ten“, doch kommt man der volk­stüm­lich inspiri­erten Marien-The­matik in der Orgel­musik allein mit for­maler wie har­monis­ch­er Sach­lichkeit schw­er­lich bei.
Am Spiel von Aya Yoshi­da ist tech­nisch nichts auszuset­zen. Ihre klar struk­turi­erte Herange­hensweise an die Musik­stücke kor­re­spondiert mit der weit­ge­hend lin­earen Struk­tur der musikalis­chen Fak­tur. Roman­tisieren­des, gar auss­chweifend­es Schwel­gen im Orgelk­lang ist ihr eben­so fremd wie lei­den­schaftsvoll zur Schau getra­genes Pathos. Die mit ihren 24 Reg­is­tern nicht ger­ade überdi­men­sion­ierte Klais-Orgel (1989 auf mech­a­nis­che Schleif­laden umge­baut) kommt diesem auf musikalisch-gestal­ter­ische Akku­ratesse bedacht­en Inter­pre­ta­tion­sansatz mit dem auf opti­male Trans­parenz aus­gerichteten Klang­pro­fil ent­gegen. Für Sat­tler und auch Antalffy-Zsiross (Madon­na) hätte man sich indessen ein expres­siveres und vor allem grund­stim­mengesät­tigtes Instru­ment gewün­scht.
Wolf­gang Valerius