Liszt, Franz

Après une lecture de Dante

Fantasia quasi Sonata für Orgel, bearbeitet von Helmut Deutsch

Verlag/Label: Schott Music, ED 21091
erschienen in: organ 2011/03 , Seite 58

Kaum ein anderes Werk aus dem großen Liszt’schen Œuvre für Klavier solo repräsen­tiert die atem­ber­aubende Pianis­tik und von Liszt bahn­brechend weit­er­en­twick­elte Vir­tu­osität in so ein­deutiger Greif­barkeit wie die „Dante-Sonate“ aus dem „Deux­ième Année“ der drei Années de Peleri­nage. Ent­standen während sein­er Ital­ien­reise 1837–39 spielte Liszt dieses Husaren­stück infer­nalis­ch­er Klang­wirkun­gen das erste Mal 1839 in Wien und arbeit­ete es 1849 in seinen Weimar­er Jahren gründlich um; erst im Jahr 1858, nach einem aus­giebi­gen Prozess der Rei­fung und beson­ders sub­til­er Vor­trags­beze­ich­nung in den Druck­vor­bere­itun­gen, erschien die Orig­i­nalaus­gabe bei Schott in Mainz – ein Ruhmes­blatt edi­torisch­er Klavier­lit­er­aturgeschichte.
Liszt selb­st war ein uner­müdlich­er Bear­beit­er eigen­er Werke, beson­ders der Sin­fonik, für sein Lieblingsin­stru­ment, das Klavier, und im Zusam­men­wirken mit orgel­spie­len­den Schülern ent­stand manche Bear­beitung für Orgel. Die vor­liegende Bear­beitung kann – pünk­tlich zum Liszt-Jahr 2011 erschienen – eine staunenswerte Bere­icherung des vir­tu­osen und beson­ders des von exaltiert­er Pianis­tik geprägten Reper­toires sein. Den­noch muss man sich damit anfre­un­den, dass ger­ade der hier genial aus­ge­spielte perkus­sive Klang­ef­fekt auf der Orgel weit­ge­hend einge­büßt wird und bril­lante Oktavläufe und heftige Akko­r­drep­e­ti­tio­nen über alle Lagen des Klaviers auf der Orgel nicht darzustellen sind. Das physis­che Empfind­en der Gren­zen des Spiel­baren gehört hier unbe­d­ingt zur Wirkung des Stücks, und man sieht den Pianis­ten förm­lich sechshändig am Klavier toben. Der zwangsläu­fige Ver­lust an Vir­tu­osität und „pianis­tis­ch­er“ Flex­i­bil­ität bei der Orgelfas­sung des aus­gewiese­nen Pianis­ten und Konz­er­tor­gan­is­ten Hel­mut Deutsch wird schon allein an der etwa um die Hälfte län­geren Auf­führungs­dauer erkennbar. Zudem fall­en bei der Bear­beitung zahlre­iche dynamis­che Angaben sowie viele Akzente und Aus­drucks­beze­ich­nun­gen weg. Selb­st wenn man nicht jede feine Dynamik auf der Orgel so mitvol­lziehen kann, hätte möglicher­weise eine detail­liert­ere Beze­ich­nung – wie etwa auch bei Reger anzutr­e­f­fen – min­destens die inten­tionale Dynamik unter­strichen und das agogis­che Spiel erle­ichtert. Manch revolutio­näre Ped­al­pas­sage würde sich wohl bess­er mit der linken Hand real­isieren lassen. Trotz guter klan­glich­er Anpas­sun­gen und spiel­tech­nis­ch­er Neuan­sätze bis hin zur Vere­in­fachung des orig­i­nalen Textes muss man sich als Inter­pret dieser Orgelver­sion auf jeden Fall par­al­lel mit ein­er sorgfälti­gen Klavier-Edi­tion befassen, um dem visionären Geist Liszts spielerisch auf die Spur zu kom­men. Während bei Liszt der Schluss im ff-Akko­rdtremo­lo in mas­siv klin­gen­der tiefer Lage, der höch­ste Ton d, erschüt­ternd in den Orkus ein­taucht, erstrahlt am Schluss der Orgelfas­sung ein D-Dur mit Klangab­schluss fis’’. Der emo­tionale Aus­druck erscheint hier sehr uminter­pretiert. Ein anre­gen­der Wurf im Ganzen, der vielle­icht, wie bei Liszts zweit­er BACH-Orgelfas­sung, eine wohld­isku­tierte Revi­sion nach sich ziehen wird.
Ralf Bibiel­la