Hakim, Naji

Amazing Grace – Ausgabe für Orgel solo

Ausgabe für Orgel solo / Ausgabe für Sopran und Orgel

Verlag/Label: Schott Music, ED 20862 (2010) / ED 20831 (2010)
erschienen in: organ 2010/04 , Seite 57

Naji Hakim ist – als Organ­ist wie als Kom­pon­ist – bekan­ntlich zu jed­er Zeit für geistre­iche und kreative Über­raschun­gen gut. So hat der 1955 in Beirut geborene „franko­phone“ Musik­er in der Ver­gan­gen­heit bere­its eine Fülle von stilis­tisch unkon­ven­tionell-nonkon­formistis­chen Kom­po­si­tio­nen in fast allen musikalis­chen Gat­tun­gen und Beset­zun­gen (mit Aus­nahme der Oper) vorgelegt, darunter so kon­trastre­ich Buntes für die Orgel wie etwa Tan­gos, Tanz-Toc­cat­en, Gersh­winesca (Schott), Ruba­iat (UMP), Ouver­ture Libanaise (Leduc), Aalai­­­ki’ ssalaam (Schott), Cos­mogo­nie (un­veröff.), The Embrace of Fire (Com­bre), Hom­mage à Igor Stravin­sky (Leduc), Qua­tre Études-caprices für Ped­al solo (Leduc), Ich liebe die far­ben­re­iche Welt (Schott) … Der let­zt­ge­nan­nte „Selb­stkom­men­tar“ des Kom­pon­is­ten kön­nte als per­sön­lich­es Mot­to genau­so gut über dem gesamten, über­aus „poly­chromen“ Orgelschaf­fen Hakims ste­hen. Sein far­ben- und gesten­re­ich­er Orgel­stil, der markante Tanz­rhythmik favorisiert und eben­so auf effek­tvolle Takt- und über­raschende Tem­powech­sel baut, zeich­net sich für gewöhn­lich durch einen extro­vertierten, hoch expres­siv­en – und nicht zu vergessen: zumeist hyper­vir­tu­osen – stilis­tis­chen Facetten­re­ich­tum aus, der in sein­er pitto­resken Detail­ver­liebtheit zuweilen patch­­­work-ähn­liche Züge annimmt.
Hakim wäre allerd­ings auch nicht Hakim, wäre er nicht eben­so für Über­raschun­gen in die umgekehrte Rich­tung gut. Eines sein­er aktuellen Nova für die Orgel, Amaz­ing Grace – Vari­a­tions on an Eng­lish Hymn (kom­poniert 2009), macht näm­lich mit einem gän­zlich anderen, fast melan­cholisch zu nen­nen­den Hakim bekan­nt: einem Meis­ter auch der feineren und leisen (Zwischen-)Töne. Das Stück ist beim Mainz­er Musikver­lag Schott erschie­nen, der sich dieses bemerkenswerten Kom­pon­is­ten verdienterma­ßen
– und auf zugle­ich ver­di­en­stvolle Weise – edi­torisch angenom­men hat. Und als wolle Hakim den lyrischen Charak­ter, der über­wiegend im pp-mp-Bere­ich ange­siedel­ten und über ein ver­haltenes, kurzzeit­iges mf-f kaum hin­aus gelan­gen­den Par­ti­tur zusät­zlich unter­stre­ichen, hat er der Orgelfas­sung gle­ich eine zweite Ver­sion für Sopran und Orgel hinzuge­fügt (wobei der strophisch pausierende Sopran den Orgel-Can­tus fir­mus hier meist ver­dop­pelt).
Die Musik Hakims lebt freilich ganz aus der melan­cholis­chen Schön­heit des tra­di­tionellen englis­chen Songs New Britain mit sein­er pen­ta­tonis­chen Melodik, dem ein religiös­er Text des englis­chen Dichters John New­ton (1725–1807) zugrunde liegt. Dem poly­glott gesin­nten „Weltchris­ten“ Hakim dürfte ins­beson­dere die span­nende Bekehrungs­ge­schichte New­tons als ein hin­ter­gründi­ges Sujet dieser „Vari­a­tio­nen der Human­ität“ gereizt haben: Dieser war als bru­taler Sklaven­händler tätig gewe­sen, wurde aber gegen Ende seines Lebens zum Chris­ten­tum bekehrt und kämpfte dann als Predi­ger der Armen und Entrechteten in der englis­chen Kirche gegen Skla­ven­handel und Unter­drück­ung.
Der Kom­pon­ist rech­net mit ein­er dreiman­u­ali­gen Orgel franzö­sisch-sym­phonis­chen Typs (oblig­a­torisch mit Schweller und Schwe­bung!). Dank der über­wiegend ruhi­gen Tem­pi, ein­er klaren Satz­fak­tur und durch­weg sehr guter Les­barkeit des Noten­textes lassen sich diese aparten Hakim-Vari­a­tio­nen en minia­ture erfreulicher­weise auch von geübteren Laien mit einem über­sichtlichen Übeaufwand gut bewälti­gen. Die Kom­po­si­tion endet atmo­sphärisch, wie sie begin­nt: beschaulich, im Pia­nissimo auf den Fonds doux 8’ und den Voix célestes im Réc­it expres­sif.
Wol­fram Adolph